Schlafstörungen: Häufig unterschätzt, aber behandelbar

Eine junge Frau sitzt wach im Bett – Symbolbild für Schlafstörungen

Viele Menschen unterschätzen Schlafstörungen, obwohl sie die körperliche und psychische Gesundheit sowie berufliche und soziale Leistungsfähigkeit deutlich beeinträchtigen können. Zwischen 15 und 35 Prozent der Bevölkerung in westlichen Industrienationen leiden längerfristig unter Ein‑ und Durchschlafschwierigkeiten oder nichterholsamem Schlaf. Begleitet werden die Symptome häufig von Unruhe, Reizbarkeit, Angst, Depressivität, Erschöpfung und Müdigkeit tagsüber. Trotzdem suchen viele Betroffene keine ärztliche oder psychotherapeutische Hilfe, da sie die Schwere der Störung herunterspielen und spontane Besserung erwarten.

Wenn Schlafstörungen chronisch werden

Als klinisch relevant gelten Schlafstörungen gemäß den herkömmlichen Kriterien beispielsweise dann, wenn Einschlaf‑ und Durchschlafschwierigkeiten oder nichterholsamer Schlaf mindestens einen Monat lang bestehen. Darüber hinaus muss die Schlafstörung oder die damit verbundene Tagesmüdigkeit zu erheblichem Leiden oder zu Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen Funktionsbereichen führen. Gleichzeitig dürfen die Probleme nicht ausschließlich auf Narkolepsie, atmungsgebundene Schlafstörungen, zirkadiane Rhythmusstörungen oder Parasomnien zurückzuführen sein. Auch psychiatristrische Erkrankungen, der Konsum von Substanzen oder medizinische Grundkrankheiten sollten als primäre Ursache ausgeschlossen sein.

Nichterholsamer Schlaf als gemeinsames Merkmal

In den letzten Jahren hat sich das Verständnis von Schlafstörungen gewandelt: Der Oberbegriff „nichterholsamer Schlaf“ wurde eingeführt, da er allen Störungen gemeinsam ist. Psychotherapeut:innen und Psychiater:innen setzen dazu häufig die klinische Leitlinie „Nichterholsamer Schlaf“ der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin ein. Prof. Dr. Dieter Riemann von der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychosomatik in Freiburg erläutert, dass dieses Schema vorsieht, zuerst einfache diagnostische und therapeutische Maßnahmen anzuwenden, statt sofort eine umfangreiche Maximaldiagnostik zu starten.

Psychologische und verhaltensbezogene Ursachen

Zu den Ursachen nichterholsamen Schlafs gehören Gefühle, Gedanken, Einstellungen und erlernte Verhaltensweisen. Dazu zählen Aufregung, Dauerstress im Job oder Privatleben, starke Emotionen wie Trauer, Wut, Ärger oder Ängste und Sorgen. Aufschlussreich sind auch Fragen nach dem Schlafverhalten in der Kindheit und in der Herkunftsfamilie, weil Schlafstörungen erlernte und nachgeahmte Muster oder Konditionierungen widerspiegeln können. Häufig wird das Bett mit Aktivitäten wie Fernsehen, Arbeiten oder Essen assoziiert, statt mit Schlafen. Die Betroffenen sind oft falsch informiert, empfinden Schlaf als unkontrollierbar und stehen unter dem Druck, „endlich“ schlafen zu müssen.

Die Rolle von Schlafhygiene

Im Rahmen einer Diagnostik zählen so genannte schlafbezogene Verhaltensweisen, Umweltfaktoren und der Lebensstil unter Schlafhygiene. Dazu zählt, dass Lärm und Helligkeit im Schlafzimmer, Tagesschlaf, Untätigkeit und zu wenig Bewegung den Schlaf beeinträchtigen. Weitere Einflussfaktoren sind nächtliches Essen und Trinken, Zeitzonenwechsel und Schichtarbeit sowie der Konsum von koffeinhaltigen Getränken, Drogen, Medikamenten oder Alkohol vor dem Einschlafen. Ergänzt wird die Anamnese durch Schlaftagebücher und Schlafprotokolle, in denen die Betroffenen Ein‑ und Durchschlafzeiten, subjektive Einschätzungen und Schlaf‑Wach‑Rhythmen eintragen. Diese Protokolle erlauben es, organische, psychiatrische und substanzbedingte Schlafstörungen sowie die Wirkung von Hypnotika besser einzuordnen.

Bewährte Behandlungsansätze

Die Behandlung des nichterholsamen Schlafs richtet sich nach den identifizierten Ursachen. Bei Patient:innen, deren Schlafprobleme auf dysfunktionale Gewohnheiten, falsche Schlafinformationen und mangelnde Schlafhygiene zurückgehen, genügt oft ein ausführliches Beratungsgespräch. Psychoedukative Maßnahmen können durch Broschüren und Ratgeber unterstützt werden, die online oder in Buchhandlungen erhältlich sind. Personen mit Schlafangst profitieren außerdem von kognitiver Restrukturierung, Gedanken‑Stopp‑Techniken und Entspannungsverfahren. Ältere Menschen sollten über veränderte Schlafbedürfnisse im Alter und die Risiken einer langfristigen Hypnotikaeinnahme aufgeklärt werden. Etabliert sind Verfahren wie regelmäßiges Zubettgehen, Einschlafrituale, Schlafrestriktion und gezieltes Aufwecken, die auch bei Kindern nachweislich wirksam sind.

Verhaltenstherapie versus Medikamente

Ob eine zusätzliche medikamentöse Behandlung mit Benzodiazepinhypnotika oder Naturpräparaten wie Baldrian indiziert ist, hängt von den Ursachen, der Motivation der Betroffenen und den Nebenwirkungen ab. Laut neueren Studien sind nichtmedikamentöse Verfahren keineswegs „zweiter Wahl“. Kombinierte verhaltenstherapeutisch‑pharmakologische Behandlungen unterscheiden sich in der Wirksamkeit nicht deutlich von rein verhaltenstherapeutischen Ansätzen. Verhaltenstherapeutische Maßnahmen allein sind ebenso effektiv wie Pharmakotherapie, und ihre Effekte halten über Monate an. Sie wirken zudem kausaler, stärken die Selbstwirksamkeit, das Kontrollgefühl und die Selbsthilfefähigkeit der Patient:innen deutlicher als reine Medikation.

Ausblick:

Schlafstörungen bleiben häufig unterschätzt, obwohl sie weit verbreitet sind und die Gesundheit tangieren. Frühzeitige Aufklärung, sorgfältige Diagnostik und verhaltenstherapeutische Maßnahmen können die Betroffenen deutlich entlasten. Die Fortschritte in der klinischen Leitlinie zu nichterholsamem Schlaf und die Hinweise auf die begrenzte Rolle von Langzeit‑Hypnotika eröffnen neue Wege um die Schlafqualität langfristig zu verbessern – ohne ausschließlich auf Medikamente zu setzen.

Auch interessant: Alles schläft, einsam wacht - Depressionen & Schlafstörungen

„Alles schläft, einsam wacht“ ist nicht nur eine Zeile aus Stille Nacht, heilige Nacht, sondern beschreibt auch die Situation vieler Patient:innen mit Depression. Schlafstörungen gehören zu den Leitsymptomen der Depression und können einen Teufelskreis aus gestörtem Schlaf-Wach-Rhythmus in Gang setzen. Zudem scheinen sie das Herz erheblich zu belasten – darauf deutet eine US-Befragung hin. Erfahren Sie mehr!

Quellen:

Sadeh, A. (2005): Cognitive‑behavioral treatment for childhood sleep disorders. Clinical Psychology Review. DOI: 10.1016/j.cpr.2005.04.006

Nau, S.; McCrae, C.; Cook, K., Lichstein, K. (2005): Treatment of insomnia in older adults. Clinical Psychology Review. DOI: 10.1016/j.cpr.2005.04.008

Deutsches Ärzteblatt: Schlafstörungen: Häufig unterschätzt. 2006. https://www.aerzteblatt.de/archiv/schlafstoerungen-haeufig-unterschaetzt-0a8d6214-4121-4fe9-a5fd-2674d70b2c7a (abgerufen am 22.04.2026)

AWMF: S3-Leitlinie Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen - Schlafbezogene Atmungsstörungen. Registernummer 063 – 001. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/063-001

Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin: DGSM: S3-Leitlinie – Nicht erholsamer Schlaf/Schlafstörungen. Somnologie 2009. DOI 10.1007/s11818-009-0430-8

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