Tabus durchbrechen: Warum psychisches Leid unsichtbar bleibt

Ein Mann hat seinen Kopf auf den Armen abgelegt und starrt nachdenklich ins Leere
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Psychische Belastungen betreffen Millionen, bleiben aber oft im Verborgenen. Dr. med. Andrea Bengel-Flach, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Hausärztin gibt Einblicke im Interview. Sie erklärt, warum Betroffene zögern, Hilfe zu suchen, und wie Umfeld sowie Gesellschaft aktiv unterstützen können. Ihre Worte fordern zu mehr Sensibilität und Aufklärung auf.

Warum bleibt psychisches Leid ein No-Go-Thema?

Viele assoziieren psychische Störungen noch immer mit „Verrücktheit“, was enorme Hürden schafft. Betroffene benötigen Mut und Selbstvertrauen, um sich zu öffnen – Eigenschaften, die bei solchen Erkrankungen paradoxerweise oft fehlen. Der Umgang mit dem Tod allgemein löst Unbehagen aus, das wir verdrängen. Besonders die Verbindung zu Selbsttötung bei psychischen Problemen macht das Thema für viele unerträglich und verstärkt das Schweigen.

Späte Hilfe: Das Drama der Selbsthilfe-Illusion

Häufig vergeht viel Zeit, bis Fachhilfe in Anspruch genommen wird. Betroffene wollen sich selbst behelfen und verbergen ihre Symptome, da das Stigma des „Nicht-Normal-Seins“ stark wirkt. Diese innere Blockade verzögert den Weg zu kompetenter Unterstützung erheblich. Besonders Männer lassen sich schwer erreichen: Sie sehen Krankheit als Schwäche, die mit dem Ideal von Stärke, Härte und Coolness kollidiert. Probleme werden internalisiert, statt geteilt.

Perfektion als psychischer Killer

Hohe Erwartungen aus Familie, Schule oder Beruf setzen unrealistische Maßstäbe, die Betroffene sich selbst auferlegen. Perfektionismus hebt die Latte so weit, dass Misserfolge unvermeidbar sind – mit Folgen wie Gefühlen von Versagen, Scheitern und Wertlosigkeit. Dieser Leistungsdruck nährt Erkrankungen und macht sie chronisch, ohne dass äußere Störungen sichtbar werden.

Aufklärungsdefizit: Fehlinfos im Netz als Gefahr

Über psychische Erkrankungen herrscht Aufklärungsnotstand. Dr. Bengel-Flach vergleicht sie konsequent mit körperlichen Leiden: Zwischen Beinbruch, Lungenentzündung und Depression gibt es keinen Unterschied – alle erfordern Diagnose, Therapie und Heilung. Das Internet hingegen schwemme mit Fehlinformationen, die Ängste schüren, riskante Therapien propagieren oder zu Eskalationen führen. Stattdessen rät sie: Zum Hausarzt, zur Hausärztin, zum Jugendmediziner oder zur Jugendmedizinerin gehen und gemeinsam Lösungen erarbeiten.

Umfeld-Power: Die Kunst des sensiblen Ansprechens

Das größte Geschenk für Betroffene ist, dass ihre Veränderungen wahrgenommen und thematisiert werden. Oft wird die Erkrankung gespürt, aber aus Tabugründen ignoriert – psychisches Leiden gilt als Makel. Wer Veränderungen offen anspricht und signalisiert „Etwas stimmt nicht“, schafft Raum für Offenbarung. Gemeinsam kann man Hilfsangebote erkunden. Dieses Gefühl, nicht allein zu sein und gesehen zu werden, ist bei psychischen Störungen Gold wert.

Arbeitgeber und Gesellschaft: Verantwortung übernehmen

Ähnlich im Beruf: Veränderungen spüren und ansprechen, statt sich aus Angst vor Unbehaglichem zurückzuziehen. Viele scheuen sich, weil sie befürchten, etwas falsch zu machen oder die Situation nicht zu beherrschen. Doch genau diese Initiative kann Leben retten. Arbeitgeber tragen Mitverantwortung, indem sie Sensibilität fördern und Betroffene nicht isolieren.
Auch zwischen Ärzt:innen und Patient:innen zählen Offenheit, Ehrlichkeit, Wertschätzung und Zuverlässigkeit als Basis. So entsteht eine Arbeitsalliance, in der Rückschritte normalisiert werden – sie sind kein Scheitern, sondern Teil des Fortschritts. Es gibt keinen Einheitsplan; Therapien sind individuell.

Borderline-Herausforderung: Grenzen und Ziele setzen

Bei Borderline-Patient:innen mit Nähe-Distanz-Konflikten sind klare Grenzen und feste Absprachen essenziell. Dr. Bengel-Flach setzt auf Zielvereinbarungen und Etappenziele, um Struktur und Verlässlichkeit zu schaffen.

Hoffnung pur: Es gibt immer einen Ausweg

Die ermutigende Botschaft: Hilfe existiert immer, um aus Krisen herauszuführen. Moderne Therapien mit Ärzt:innen und Psychotherapeut:innen ermöglichen nachhaltige Genesung. Niemand muss allein kämpfen.

Quellen:
  • ZDF: Psychisch stark – Wege aus der Depression. 2025. https://presseportal.zdf.de/pressemappe/psychisch-stark-wege-aus-der-depression#text (abgerufen am 18.12.2025).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. Registernummer: nvl-005. Version 3.2. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 16.12.2025).
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