Depression und Schlaf: Rolle von Antidepressiva und Johanniskraut
Bei Depressionen treten Schlafstörungen bei bis zu 90% der Betroffenen auf und gelten als Kardinalsymptom der Erkrankung. Typisch sind frühes Erwachen am Morgen, ein ausgeprägtes Morgentief mit Fatigue und innerer Anspannung, Ein- und Durchschlafstörungen sowie Tagesmüdigkeit. Die Störung betrifft nicht nur die Schlafdauer, sondern auch die Schlafarchitektur. Durch chronischen Stress und depressive Symptomatik ist die HPA‑Achse überaktiv, was zu einem erhöhten Kortisolspiegel führt – entgegen dem physiologischen Muster oft bereits in der ersten Nachthälfte. In der Folge verkürzen sich die REM-Schlaflatenz, die REM-Schlafdichte nimmt zu, der Tiefschlaf nimmt ab und die Schlafkontinuität ist gestört. Ein wichtiges Ziel der Akuttherapie ist daher neben der Remission der Depression auch die rasche Reduktion dieses Leidensdrucks.
Wie Antidepressiva den Schlaf beeinflussen
Antidepressiva wirken mittelfristig häufig schlafnormalisierend, unterscheiden sich aber gerade zu Beginn stark in ihren Effekten auf den Schlaf. Einige Substanzen wirken schlaffördernd oder schlafanstoßend, andere verlängern die Einschlafzeit, fragmentieren den Schlaf oder verstärken Insomnie.
- Trizyklische Antidepressiva wie Trimipramin, Amitriptylin und Doxepin verbessern durch antihistaminerge und anticholinerge Effekte die Schlafkontinuität und teilweise den Tiefschlaf, können aber nach Absetzen durch REM-Suppression einen REM-Rebound mit intensiver Traumtätigkeit auslösen.
- SSRI und SNRI führen initial häufig zu verlängerter Einschlaflatenz, gestörter Schlafkontinuität, Insomnie und Nervosität, wirken jedoch über neuroendokrinologische Mechanismen mittelfristig schlafstabilisierend.
- Trazodon wirkt über Blockade postsynaptischer 5‑HT2A‑Rezeptoren und Verstärkung der 5‑HT1A‑vermittelten Transmission und verbessert den Schlaf ohne typische SSRI-Nervosität.
- Mirtazapin mit hoher Affinität zu histaminergen Rezeptoren wird häufig gezielt als schlafanstoßendes Antidepressivum eingesetzt; bei niedriger Dosierung verbessert es Schlafeffizienz, Schlafarchitektur und Tiefschlaf, ohne den REM-Schlaf zu unterdrücken, kann aber ein Restless-Legs-Syndrom auslösen.
- Agomelatin wirkt agonistisch an MT1- und MT2-Rezeptoren und stabilisiert den Schlaf-Wach-Rhythmus mit besserer Schlafkontinuität und mehr Tiefschlaf, ohne zu sedieren.
- Bupropion stört eher die Schlafkontinuität, kann die REM-Latenz verkürzen und den REM-Schlaf verstärken.
- Johanniskraut (Hypericum) wirkt nicht sedierend, verstärkt jedoch den Tiefschlaf und unterdrückt den REM-Schlaf nicht wesentlich.
Johanniskraut-Extrakt: Antidepressiv und schlafstabilisierend
Johanniskraut gilt klassisch nicht als „Schlafmittel“, zeigt aber in der Datenlage relevante Effekte auf schlafbezogene Symptome bei Depressionen. Eine Reanalyse gepoolter Daten aus zwei placebokontrollierten Studien mit Laif®900 ergab, dass sich die Schlafsymptomatik parallel zur Abnahme des HAMD‑17‑Gesamtwerts verbesserte.
In dieser Auswertung kam eine Faktorenanalyse zum Einsatz, um den komplexen HAMD‑17‑Score auf zentrale Symptomcluster – u. a. Schlaf – zu verdichten. Die Verbesserung der Schlafstörungen trat dabei nicht lediglich sekundär nach vollständiger Besserung der depressiven Symptomatik auf, was gegen einen rein nachgeordneten Effekt spricht. Laif®900 ist für leichte bis mittelschwere depressive Episoden bei Erwachsenen ab 18 Jahren erstattungsfähig und kann somit in einem leitliniengerechten Gesamtkonzept eingesetzt werden.
Verhalten in der Nacht: Warum mehr Bettzeit schaden kann
Viele Menschen mit Depression reagieren auf Müdigkeit, Antriebsmangel und innere Unruhe mit Rückzug und verlängerten Bettzeiten. Sie gehen früher schlafen, bleiben morgens länger liegen und ruhen sich tagsüber zusätzlich aus – oft in der Hoffnung, damit Erholung zu finden.
Dieses Verhalten kann den Teufelskreis jedoch verstärken. Depressive Patient:innen zeigen häufig eine chronisch erhöhte Wachheit, die durch zusätzlichen Schlaf eher befeuert wird, während ein erhöhter Schlafdruck (z. B. durch Schlafrestriktion oder kontrollierte Schlafdeprivation) die Symptomatik entlasten kann. In einer Studie mit 22 Patient:innen mit mittelschwerer Depression wurden über durchschnittlich 174 Tage Bett- und Schlafzeiten sowie depressive Symptome erfasst. Bei etwa der Hälfte zeigte sich ein Zusammenhang: Längere Bett- oder Schlafenszeiten gingen mit einer Verschlechterung der depressiven Symptomatik einher.
Für die Praxis bedeutet das: Betroffene können durch Selbstbeobachtung – etwa tägliche Dokumentation von Bettzeit und Stimmung am Folgetag – individuelle Muster erkennen und gemeinsam mit Behandelnden gezielte Empfehlungen zur Schlafrestriktion ableiten.
Schlafhygiene: Praktische Stellschrauben für bessere Nächte
Neben pharmakologischen Maßnahmen spielt eine konsequente Schlafhygiene eine zentrale Rolle, um Schlafstörungen bei Depressionen zu lindern. Wichtig sind regelmäßige Schlafenszeiten, ein wiederkehrendes Einschlafritual und eine ruhige, angenehme Schlafumgebung.
Empfohlen werden körperliche Aktivität am Tag und der Verzicht auf Nickerchen, um den nächtlichen Schlafdruck nicht zu reduzieren. Koffeinhaltige Getränke sollten am Nachmittag gemieden werden, ebenso Alkohol – insbesondere, wenn er als „Schlafhilfe“ eingesetzt wird, da er die Schlafarchitektur stört. Im Zusammenspiel aus geeigneter Wahl des Antidepressivums, ggf. Einsatz eines Präparats wie Johanniskraut-Extrakt und strukturierter Schlafhygiene kann so ein wichtiger Beitrag zur Stabilisierung von Schlaf und Stimmung geleistet werden.
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Quellen:
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie „Insomnie bei Erwachsenen“. 2024. Registernummer: 063-003. Version 2.0. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/063-003 (abgerufen am 15.12.2025).
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. Registernummer: nvl-005. Version 3.2. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 15.12.2025).
- Springer Medizin: Depressiv bedingte Schlafstörungen: Wirkstoffe im Vergleich. 2021. https://www.springermedizin.de/depressiv-bedingte-schlafstoerungen--wirkstoffe-im-vergleich/19112640 (abgerufen am 15.12.2025).
- Chen, F. et al. (2024): The mediating role of sleep disturbance in the relationship between depression and cardiovascular disease. Front. Psychiatry. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2024.1417179
- Volz, H.-P. et al. (2018): Wirksamkeit des Johanniskrautextrakts STW3-VI – Eine Reanalyse gepoolter Daten zweier Placebo-kontrollierter Studien. Psychopharmakotherapie, 25:170–176. https://www.ppt-online.de/heftarchiv/2018/04/wirksamkeit-des-johanniskrautextrakts-stw3-vi-eine-reanalyse-gepoolter-daten-zweier-placebo-kontrollierter-studien.html
- Deutsche Depressionshilfe. Studie: Schlaf und längere Bettzeit können depressive Symptome verschlechtern. Pressemitteilung vom 09. Oktober 2020. https://www.deutsche-depressionshilfe.de/news/details/studie-schlaf-und-laengere-bettzeit-koennen-depressive-symptome-verschlechtern
- Lorenz N et al. Temporal Associations of Daily Changes in Sleep and Depression Core Symptoms in Patients Suffering From Major Depressive Disorder: Idiographic Time-Series Analysis. JMIR Ment Health 2020; 7(4): e17071.
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