Unsichtbare Last: Depressionen bei Kindern und Jugendlichen entlarven
Eine Studie (https://doi.org/10.1007/s00787-021-01889-1) der COPSY-Initiative (COrona und PSYche) sowie Daten aus 27 Kinderintensivstationen offenbaren alarmierende Trends: Während Lockdowns stiegen Suizidversuche bei Kindern und Jugendlichen um das Vierfache im Vergleich zum Vor-Pandemie-Frühjahr. Unabhängig davon lösen familiäre Belastungen wie Trennungen oder Todesfälle Depressionen aus, die zu den häufigsten psychischen Störungen in dieser Altersgruppe zählen.
Häufigkeit nach Entwicklungsstufen
Betroffenheit variiert stark: Rund 1 % der Vorschulkinder, 2 % im Grundschulalter und 3 bis 10 % der 12- bis 17-Jährigen leiden unter Depressionen. Symptome passen sich Alter, familiärem Kontext und kognitiven Fähigkeiten an. Jüngere Kinder äußern Befindlichkeiten eher somatisch – etwa durch Kopfschmerzen oder Bauchschmerzen, da sie Emotionen noch schlecht verbalisieren. Hier lohnt Beobachtung von Mimik, Gestik, Sozialverhalten und Spielmustern.
Frühwarnsignale im Kleinkindalter (0–3 Jahre)
Bei den Jüngsten dominieren nonverbale Hinweise. Häufiges Weinen, ein ausdrucksarmes Gesicht und starke Reizbarkeit deuten auf Belastung hin. Übermäßige Anhänglichkeit erschwert Trennungen, während selbststimulierendes Verhalten wie Körperwiegen oder exzessives Daumenlutschen auffällt. Teilnahmslosigkeit, Spielaversion oder bizarre Spielweisen, gestörtes Essen – etwa Wiederkäuen – sowie Schlafprobleme runden das Bild ab.
Verhaltensänderungen bei Vorschulkindern (3–6 Jahre)
Traurige Mienen und reduzierte Mimik signalisieren Leid. Stimmungsschwankungen, Ängstlichkeit und fehlende Freude prägen den Alltag. Antriebsmangel führt zu Introversion, geringer Motoriklust und innerer Unruhe mit aggressiven Ausbrüchen. Ess- und Schlafstörungen verschärfen die Situation.
Schulkind-Symptome (6–13 Jahre): Verbal und kognitiv
Ältere Kinder sprechen offen von Traurigkeit, kämpfen mit Konzentration und Gedächtnis – Schulleistungen sinken. Verlustsängste, übertriebene Schuldgefühle wie „Ich bin so dumm“ und psychomotorische Verlangsamung treten auf. Appetitverlust, Einschlafstörungen und Suizidgedanken fordern sofortige Aufmerksamkeit.
Jugendrisiken ab 13 Jahren: Soziale Isolation droht
Selbstzweifel und mangelndes Selbstvertrauen paaren sich mit Ängsten, Antriebslosigkeit und Konzentrationsstörungen. Stimmungsschwankungen, Leistungsabfall und Überforderung durch soziale Erwartungen führen oft zur Isolation. Psychosomatika wie Kopfschmerzen, Gewichtsverlust, Schlafdefizite, Substanzkonsum sowie Suizidgedanken oder -versuche markieren Höchstalarme.
Suizidgefahr: 20-fach erhöht bei Jugendlichen
Selbstmorde bleiben im Kindesalter rar, rangieren aber jugendtypisch unter Top-Todesursachen. Jugendliche weisen ein 20-fach höheres Risiko für suizidales Handeln auf; Mädchen versuchen häufiger, Jungen vollendeten Suizid jedoch dreimal öfter.
Pandemie-Alarm: COPSY und Intensivdaten
Die COPSY-Studie belegt nach der zweiten Welle: Fast ein Drittel der Kinder zeigt psychische Auffälligkeiten, depressive und somatoforme Symptome sowie Ängste nahmen zu, Lebensqualität sank. Ende zweiten Lockdowns landeten viermal mehr Betroffene mit Suizidversuchen auf Intensivstationen – basierend auf 27 Kliniken.
Therapieansätze: Familiär und altersgerecht
Kinderärzt:innen als erste Ansprechpartner:innen leiten zu Kinder- und Jugendpsychiatrie oder Psychotherapie weiter. Maßnahmen umfassen Aufklärung, familienbasierte Psychotherapie, Beziehungsinterventionen und ggf. Medikamente – stets entwicklungsgerecht. Bei Jüngsten priorisieren familiäre Stabilisierung; ab Schulalter eignet Verhaltenstherapie mit Elternbeteiligung.
Antidepressiva: Nur Fluoxetin empfehlenswert
Eine Lancet-Metaanalyse (DOI: 10.1016/S0140-6736(16)30385-3 ) warnt: Die meisten Antidepressiva bieten bei Kindern kein gutes Nutzen-Risiko-Profil. Ausnahme: Fluoxetin, zugelassen ab acht Jahren mit Evidenz. Weitere alterspezifische Forschung fehlt.
Hilfsangebote für Familien
Empfehlen Sie FIDEO (Forum für 14- bis 21-Jährige), U25 (Caritas-Suizidprävention), Nummer gegen Kummer (Telefon/E-Mail für Kinder, Jugendliche, Familien).
Auch interessant:
Quellen:
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe: Depression im Kindes- und Jugendalter. https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/depression-in-verschiedenen-facetten/depression-im-kindes-und-jugendalter (abgerufen am 28.01.2022).
- Ravens-Sieberer, U. et al.: Quality of life and mental health in children and adolescents during the first year of the COVID-19 pandemic: results of a two-wave nationwide population-based study. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2023. https://doi.org/10.1007/s00787-021-01889-1
- Cipriani, A. et al.: Comparative efficacy and tolerability of antidepressants for major depressive disorder in children and adolescents: a network meta-analysis. The Lancet. 2016. https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(16)30385-3/fulltext (abgerufen am 03.03.2020).
- Fachinformation Fluoxetin-ratiopharm® 20mg Tabletten. Stand: Februar 2021.
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. Registernummer: nvl-005. Version 3.2. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 15.12.2025).
- Springer Medizin: Wenn Kinder nicht mehr leben wollen?. 2022. https://www.springermedizin.de/wenn-kinder-nicht-mehr-leben-wollen/18789542 (abgerufen am 15.12.2025).
Mehr Grün in Städten kann die Zahl der hitzebedingten Todesfälle deutlich senken. Neue Studien zeigen, wie Vegetation das Stadtklima verbessert und Gesundheit schützt – mit besonders großem Effekt in Südeuropa.
Johanniskraut wird als pflanzliche Therapie bei leichter bis mittelschwerer unipolarer Depression empfohlen. Die S3-Leitlinie betont Anwendung, Wirkmechanismen, Interaktionen und Patientenaufklärung.