Depression im Alter: Die unterschätzte Last des Alleinseins
Einsamkeit gehört zu den großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit – und belastet besonders ältere Menschen. Laut dem „Einsamkeitsbarometer 2024“ des Bundesfamilienministeriums fühlten sich im Jahr 2021 mehr als 11 % der Deutschen einsam. Diese Zahl basiert auf einer über Jahrzehnte angelegten Langzeitanalyse, in der seit 1992 regelmäßig dieselben Familien und Einzelpersonen befragt werden. Damit gilt die Untersuchung als besonders repräsentativ. Auffällig ist der langfristige Trend: In den vergangenen zehn Jahren war das Einsamkeitsempfinden in der Altersgruppe über 75 Jahre am höchsten – insbesondere vor der Corona-Pandemie. Seitdem nimmt Einsamkeit allerdings auch bei jüngeren Generationen deutlich zu.
Wenn das Alleinsein zur Krankheit wird
Einsamkeit ist nicht bloß ein subjektives Gefühl, sondern kann ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Bei der Aktionswoche „Gemeinsam aus der Einsamkeit“ wurde betont, dass anhaltende Isolation die psychische Stabilität erheblich gefährden kann. Nach Angaben des Einsamkeitsbarometers weisen 71,7 % der Menschen, die sich einsam fühlen, eine unterdurchschnittliche psychische Gesundheit auf.
Doch macht Einsamkeit tatsächlich depressiv? Eine in The Lancet Psychiatry veröffentlichte Studie aus England liefert deutliche Hinweise: Etwa 18 % aller Depressionen bei Personen über 50 Jahren stehen in direktem Zusammenhang mit Einsamkeit. Die Forschenden schätzen, dass in bis zu 18 % der Fälle depressive Erkrankungen verhindert werden könnten, wenn Einsamkeit vermieden würde. Auch Untersuchungen der Max-Planck-Gesellschaft zeigen Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und depressiven Symptomen – besonders bei älteren Frauen.
Wege aus dem Gefühl der Isolation
Um mit Einsamkeit konstruktiv umzugehen, gibt es zahlreiche niedrigschwellige Angebote. Projekte wie „Post für dich“ des Malteser Hilfsdienstes ermöglichen Brieffreundschaften für ältere Menschen. Unter dem Dach von „Miteinander-Füreinander“ organisieren die Malteser darüber hinaus vielfältige Aktivitäten, die soziale Kontakte fördern.
Weitere Unterstützung bietet das Hilfetelefon „Silbernetz“, erreichbar unter 0800 470 80 90, das speziell für Menschen ab 60 Jahren eingerichtet wurde. Neben sozialem Austausch sind auch professionelle Hilfsangebote wie Psychotherapie wirksam. Ebenso hilfreich können neue Hobbys oder die Gesellschaft von Haustieren sein – sie schaffen Struktur, emotionale Nähe und Freude im Alltag.
Aktiv gegen Depression: Hobbys als Schutzfaktor
Die Deutsche Depressionshilfe empfiehlt bei Einsamkeitsgefühlen, aktiv neue Interessen zu entwickeln. Besonders geeignet sind Literatur- oder Malkurse, Spaziergänge in der Natur, ehrenamtliches Engagement oder der Kontakt mit Tieren. Eine internationale Metaanalyse aus 16 Ländern mit über 93.000 Teilnehmenden ab 65 Jahren bestätigt den Nutzen solcher Aktivitäten: Menschen, die regelmäßig einem Hobby nachgingen, zeigten deutlich weniger depressive Symptome als Personen ohne Freizeitbeschäftigung. Als Hobbys galten dabei sowohl handwerkliche und sportliche Aktivitäten als auch Gartenarbeit oder Vereinsarbeit.
Die Forschenden betonten, dass kreative und körperlich aktive Beschäftigungen einen entscheidenden Beitrag zur psychischen Gesundheit älterer Menschen leisten – insbesondere in einer immer älter werdenden Gesellschaft.
Antidepressiva im höheren Lebensalter – Chancen und Risiken
Wenn Einsamkeit in eine klinisch relevante Depression mündet, ist eine Behandlung notwendig. Wie bei jüngeren Patient:innen können auch im Alter Psychotherapie und Antidepressiva wirksam sein. Doch mit zunehmendem Alter steigt das Risiko für Wechselwirkungen und Nebenwirkungen. Häufig kommen Begleiterkrankungen wie degenerative Schmerzen oder Herz-Kreislauf-Probleme hinzu, die die Behandlung komplexer machen.
Besondere Vorsicht gilt bei Kombinationen mit Analgetika oder Antiepileptika: So sollte Tramadol nicht zusammen mit Citalopram verabreicht werden. Ebenso kontraindiziert ist die gleichzeitige Einnahme bestimmter trizyklischer Antidepressiva mit Herz-Kreislauf-Medikamenten. Auch für Bupropion bestehen Risiken, etwa in Kombination mit MAO-B-Hemmern oder den Antiepileptika Carbamazepin und Lamotrigin beziehungsweise Levetiracetam. Zusätzlich können Nieren- oder Leberfunktionsstörungen die Verträglichkeit psychotroper Medikamente weiter beeinträchtigen.
Orientierungshilfe: Die Priscus-Liste
Zur sicheren Pharmakotherapie im Alter bietet die 2023 aktualisierte Priscus-Liste eine wichtige Orientierung. Sie umfasst mehr als 180 Medikamente, deren Einsatz bei älteren Patient:innen kritisch bewertet oder möglichst vermieden werden sollte. Diese Evidenzliste unterstützt Ärzt:innen und Apotheken bei der individuellen Therapieplanung und kann helfen, schwerwiegende Nebenwirkungen zu vermeiden.
Pflanzliche Alternativen: Johanniskraut als Therapieoption
Bei leichten bis mittelgradigen depressiven Episoden kann nach den Empfehlungen der Nationalen Versorgungsleitlinie „Unipolare Depression“ ein Johanniskraut-Extrakt eine gleichwertige Alternative zu synthetischen Antidepressiva darstellen. Laif® 900, ein standardisierter Johanniskraut-Extrakt, zeigte bereits in Zulassungsstudien eine vergleichbare Wirksamkeit bei deutlich besserer Verträglichkeit im Vergleich zu Citalopram. In Studien aus der Versorgungsforschung berichteten Patient:innen seltener über Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Sedierung, sexuelle Funktionsstörungen oder QT-Zeitverlängerungen.
Professor Hans-Peter Volz, Psychiater und Neurologe, betont, dass Johanniskraut insbesondere im höheren Alter aufgrund seines günstigen Nebenwirkungsprofils eine ernstzunehmende Therapieoption darstellt. Dennoch müssen mögliche Wechselwirkungen – etwa mit HIV-Medikamenten oder bestimmten Zytostatika – beachtet werden.
Auch interessant:
Quellen:
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 27.09.2025).
- Mak et al. (2023): Hobby engagement and mental wellbeing among people aged 65 years and older in 16 countries. Nature Medicine, 29, 2233–2240. DOI: 10.1038/s41591-023-02506-1.
- Gastpar, M. et al. (2006): Comparative Efficacy and Safety of a Once-Daily Dosage of Hypericum Extract STW3-VI and Citalopram in Patients with Moderate Depression: A Double-Blind, Randomised, Multicentre, Placebo-Controlled Study. Pharmacopsychiatry. DOI: 10.1055/s-2006-931544
- Zhao et al. (2023): The efficacy and safety of St. John's wort extract in depression therapy compared to SSRIs in adults: A meta-analysis of randomized clinical trials. Advances in Clinical and Experimental Medicine, 32(2), 151-161. DOI: 10.17219/acem/152942.
- Siu Long L. et al. (2021): The Association between Loneliness and Depressive Symptoms among Adults Aged 50 Years and Older: A 12-Year Population-Based Cohort Study. The Lancet Psychiatry, 8(1), 48–57. https://doi.org/10.1016/S2215-0366(20)30383-7.
- Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ): Erstes Einsamkeitsbarometer für Deutschland veröffentlicht. 2024. https://www.bmfsfj.de/bmfsfj/aktuelles/alle-meldungen/erstes-einsamkeitsbarometer-fuer-deutschland-veroeffentlicht-240202 (abgerufen am 19.11.2025).
- Springer Medizin: Depressionen im Alter – macht Einsamkeit depressiv? 2025. https://www.springermedizin.de/depressionen-im-alter-macht-einsamkeit-depressiv-/50090012 (abgerufen am 19.11.2025).
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