Depression bei Kindern und Jugendlichen: Aktualisierte Leitlinie setzt neue, altersgerechte Standards
Die Deutsche Gesellschaft für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (DGKJP) hat im März 2026 die aktualisierte S3‑Leitlinie „Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen“ veröffentlicht (Registernummer 028 – 043). Sie fasst den aktuellen Stand der Forschung zusammen, liefert konkrete Empfehlungen für die Praxis und stärkt damit die Versorgung junger Menschen mit Depressionen deutlich.
Kinder und Jugendliche sollen Therapie früh mitgestalten
Ein zentraler Schwerpunkt der neuen Leitlinie ist die frühzeitige und nach Alter differenzierte Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an Therapieentscheidungen.
„Eine wichtige Neuerung ist, dass Kinder und Jugendliche mit einer Depression früh in die Therapieentscheidungen einbezogen werden sollen. Dazu müssen wir sie passend zu ihrem Alter und ihrer Entwicklung aufklären und beteiligen“, erklärt Prof. Dr. med. Gerd Schulte‑Körne, Direktor der Klinik für Kinder‑ und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum München.
Die Leitlinie fordert, dass Betroffene sowie Eltern oder Erziehungsberechtigte Informationen in einfacher, entwicklungsgerechter Sprache erhalten, um gemeinsam mit Ärztinnen und Ärzten sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten auf Basis von Evidenz sowie eigenen Wünschen, Ressourcen und Erwartungen die Therapieformen zu wählen.
Depression immer behandeln – unabhängig vom Schweregrad
„Eine wichtige neue Empfehlung ist, dass eine Depression nach der fachärztlichen Diagnose immer behandelt werden sollte, unabhängig vom Schweregrad“, sagt Prof. Dr. Ellen Greimel, Leiterin der AG Depression an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am LMU Klinikum München.
Die Leitlinie fasst die wissenschaftlichen Studien zur Wirksamkeit verschiedener Behandlungsansätze zusammen. Sie unterstützt Fachpersonen dabei, wirksame Therapien auszuwählen und zu planen, um die Krankheitsdauer zu verkürzen, Rückfälle zu verhindern und Neben‑ sowie Folgewirkungen möglichst gering zu halten. Hierin schlägt sich auch die Erkenntnis nieder, dass Depressionen im Kindes‑ und Jugendalter anders verlaufen und sich nicht einfach aus der Erwachsenenpsychiatrie ableiten lassen.
Drei Altersgruppen statt einheitlicher Ansatz
Die Leitlinie unterscheidet erstmals explizit in ihren Empfehlungen drei Altersgruppen: jüngere Kinder (3–6 Jahre), ältere Kinder (7–12 Jahre) und Jugendliche (13–18 Jahre). „Da sich Symptomatik, Behandlungsbedarf und Wirksamkeit therapeutischer Ansätze altersabhängig unterscheiden, lassen sich Erkenntnisse aus dem Erwachsenenbereich nicht auf Kinder und Jugendliche übertragen“, so die Leitliniengruppe. Für jüngere Kinder rückt die Familie in den Fokus: Die sogenannte Parent‑Child‑Interaction‑Therapy – Emotion Development (PCIT‑ED) wird als zentrale Methode empfohlen. Sie stärkt durch angeleitete Eltern‑Kind‑Interaktionen die Beziehungsqualität, verbessert elterliche Kompetenzen und fördert die Emotionsregulation des Kindes.
Familienbasierte Ansätze
Für die 7‑ bis 12‑Jährigen gewinnen familienbasierte Ansätze zusätzliche Bedeutung. Die Leitlinie sieht die familienbasierte interpersonelle Therapie als Alternative zur Behandlung der ersten Wahl an, die weiterhin die kognitive Verhaltenstherapie bleibt. Bei 7‑ bis 12‑Jährigen wird die familiäre Situation stärker mitberücksichtigt, Eltern werden aktiv einbezogen und zwischenmenschliche Konflikte werden gezielt bearbeitet. Für Jugendliche (13–18 Jahre) wird die kognitive Verhaltenstherapie deutlich ausgeweitet und um Aspekte der Selbstständigkeit, Rolle in der Peergroup und Schule ergänzt.
Psychotherapie bleibt vordringlich, Medikamente erweitert
Psychotherapie bleibt über alle Altersgruppen und Schweregrade hinweg die Behandlung der ersten Wahl. Die Leitlinie hebt die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) als evidenzbasierte Therapieform hervor, die auf das Erkennen und Verändern ungünstiger Denk‑ und Verhaltensmuster zielt. Nur bei mittelgradigen und schweren depressiven Störungen bietet sich eine ergänzende pharmakologische Therapie an. Die Leitlinie führt als wirksame Präparate nun neben Fluoxetin auch Sertralin und Escitalopram auf – alles Wirkstoffe, für die klinische Studien sowohl bei Kindern als auch Jugendlichen Hinweise auf Wirksamkeit zeigen.
Ergänzende Angebote: Sport, Kunst, Kinder‑ und Jugendhilfe
Die Leitlinie weitet ihren Fokus deutlich über die reine Psychotherapie hinaus. Erstmalig werden explizit Sport und Bewegung, künstlerische Therapien sowie angepasste Maßnahmen der Kinder‑ und Jugendhilfe als unterstützende Bausteine empfohlen. Die Leitlinie sieht enge Zusammenarbeit von Ärztinnen und Ärzten, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten mit Fachkräften aus der Ergo‑, Kunst‑ und Bewegungstherapie vor und hebt hervor, dass solche Angebote die Motivation stärken, soziale Kontakte fördern und die Alltagsbewältigung unterstützen können.
Webportal „ich bin alles“: Information für Betroffene
Ein zentraler Baustein der neuen Leitlinie ist die ganzheitliche Einbindung von Kindern, Jugendlichen und Eltern in Entscheidungsprozesse. Das Webportal „ich bin alles“ (www.ich‑bin‑alles.de) vermittelt dafür altersgerechte und wissenschaftlich fundierte Informationen zu Depressionen, Ursachen, Formen, Hilfsangeboten und Therapieempfehlungen. Kinder, Jugendliche und Eltern haben bei der Konzeption mitgewirkt und die Inhalte wurden auf Basis der aktualisierten Leitlinie überarbeitet. Zusätzlich gibt es „ich bin alles @Schule“, ein Angebot speziell für Lehrkräfte mit evidenzbasiertem Wissen, praktischen Hinweisen und einer kostenlosen Online‑Fortbildung. „Kinder und Jugendliche sollen möglichst früh mitentscheiden können – das Portal ist dafür ein zentrales Werkzeug“, so die Leitliniengruppe.
Ausblick
„Es war beeindruckend, wie viele neue Studien zur Behandlung der Depression im Kindes- und Jugendalter in den letzten Jahren veröffentlicht wurden, die Eingang in die neuen Empfehlungen gefunden haben“, sagt Prof. Dr. Gerd Schulte-Körne Die aktualisierte S3‑Leitlinie stellt damit eine klare, entwicklungsbezogene Orientierung für die Praxis dar: Psychotherapie vor Medikamenten, alters‑ und familiengerechte Therapieformen, stärkere Partizipation von Betroffenen und ein breiteres Feld ergänzender Angebote sollen die Versorgung langfristig verbessern.
Online-Informationen zu Depression: Zwischen Risiko und Ressource
Quellen:
LMU Klinikum: Pressemitteilung. Depression bei Kindern und Jugendlichen: Neue Empfehlungen für die Behandlung. Aktualisierte S3-Leitlinie setzt unter anderem auf altersgerechte Therapien und stärkere Beteiligung von Betroffenen. 2026. https://www.lmu-klinikum.de/newscenter/pressemitteilungen/depression-bei-kindern-und-jugendlichen-neue-empfehlungen-fur-die-behandlung/abd02fbe0b76cead
Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie: Depression bei Kindern und Jugendlichen: Neue Empfehlungen für die Behandlung. 2026. https://www.dgkjp.de/depression-bei-kindern-und-jugendlichen-neue-empfehlungen-fuer-die-behandlung/
Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): S3-Leitlinie Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Registernummer 028 – 043. 2026. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/028-043
Deutsches Ärzteblatt: S3-Leitlinie zur Behandlung depressiver Störungen bei Kindern und Jugendlichen aktualisiert. 2026. https://www.aerzteblatt.de/news/s3-leitlinie-zur-behandlung-depressiver-storungen-bei-kindern-und-jugendlichen-aktualisiert-daad784d-5507-4a63-a164-b5154de1c000
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