Glyphosat und resistente Bakterien im Umfeld von Landwirtschaft

Eine Landmaschine verspritzt eine Flüssigkeit auf einem Feld.

Glyphosat ist weltweit eines der am häufigsten eingesetzten Herbizide – und längst nicht mehr nur ein Thema der Agrarindustrie. Eine argentinische Studie im Magazin Frontiers in Microbiology (2026; DOI: 10.3389/fmicb.2026.1740431) zeigt nun Hinweise darauf, dass der Einsatz von Glyphosat in der Landwirtschaft möglicherweise die Entwicklung resistenter Bakterien fördert, die wiederum auch Antibiotikaresistenz tragen könnten. Die Daten deuten auf eine Verbindung zwischen Unkrautvernichtungsmitteln und der Resistenzentwicklung, die bislang unterschätzt wurde.

Ergebnisse aus dem Paraná-Delta:

Die Arbeitsgruppe um Daniela Centrón vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Parasitologie in Buenos Aires untersuchte 68 Bakterienstämme aus Sedimenten eines Naturschutzgebiets im Paraná‑Delta, einem Feuchtgebiet nördlich der Stadt. In den umliegenden landwirtschaftlichen Gebieten wird Glyphosat häufig eingesetzt. Die Stämme wurden auf Resistenzen gegenüber 16 gängigen Antibiotika getestet, darunter Ampicillin mit Sulbactam, Meropenem, Tetracyclin und Vancomycin. Zusätzlich wurden die Reaktionen auf reines Glyphosat und glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel analysiert.

Vergleich mit Krankenhaus- und Mastbetriebsstämmen

Die Ergebnisse wurden mit 19 multiresistenten Stämmen aus örtlichen Krankenhäusern sowie 15 Stämmen aus Mastbetrieben und herbizidbelasteten landwirtschaftlichen Böden verglichen. Die Krankenhausstämme zeigten teilweise Resistenz gegen bis zu 16 der getesteten Antibiotika – und erwiesen sich zudem als hochresistent gegen Glyphosat und glyphosathaltige Produkte. Die Stämme aus dem Paraná‑Delta wiesen zumindest eine teilweise Resistenz gegen Glyphosat auf, unabhängig von der spezifischen Herkunft. In der phylogenetischen Analyse der insgesamt 102 Stämme zeigten die glyphosatresistentesten Vertreter oft eine enge Verwandtschaft, auch wenn sie aus verschiedenen Regionen stammten.

Wasserkreislauf als Übertragungsweg

Die Erstautorin Camila Knecht betont die Bedeutung des Wasserweges:

„Wenn resistente Krankenhausbakterien über unbehandeltes Abwasser in die Umwelt gelangen, können sie sich in landwirtschaftlichen Gebieten mit Glyphosateinsatz weiter ausbreiten.“

Jochen Müller, Mitautor der Studie und Gruppenleiter am Karlsruher Institut für Technologie, fasst die Beobachtungen zusammen: „In der Umwelt führt der Einsatz von Glyphosat zur Entwicklung resistenter Bakterien in betroffenen Böden, während der Einsatz von Antibiotika deren Entwicklung in Krankenhäusern begünstigt.“

Er ergänzt, dass Bakterien mit Antibiotikaresistenzgenen zwischen diesen Nischen in beide Richtungen übertragen werden können – wobei der Wasserkreislauf eine Schlüsselrolle spielt.

Kritik an den Ergebnissen

Trotz der naheliegenden Interpretation bleiben Unsicherheiten bestehen. Mahima Krishnan von der University of Adelaide bemängelt, dass die Daten der Studie nicht ausreichen, um Glyphosat als primäre Ursache für Multiresistenz zu etablieren.

„Multiresistenz ist ein komplexes, globales Gesundheitsproblem, das durch zahlreiche Faktoren verursacht wird“, erklärt er. Dazu zählen der umfangreiche Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung, bestehende Resistome in der Umwelt und weitere anthropogene Schadstoffe. Die Belege der argentinischen Studie reichen nach seiner Einschätzung nicht aus, um Glyphosat als zentralen Treiber der Resistenzentwicklung zu beweisen.

Ausblick:

Die Studie liefert erstmals systematische Hinweise darauf, dass der Einsatz von Herbiziden wie Glyphosat das Resistenzprofil von Umweltbakterien verändern könnte – mit möglichen Rückwirkungen auf die menschliche Gesundheit. Dennoch betont die Forschung, dass Multiresistenz ein multifaktorielles Problem ist, bei dem auch die üblichen Verdächtigen wie Antibiotikaeinsatz in der Medizin und der Tierhaltung im Fokus bleiben müssen. Weitere Studien könnten Klarheit schaffen – vor allem zur Rolle von Glyphosat im Kontext der globalen Resistenzentwicklung.

Quellen:

Deutsches Ärzteblatt (2026): Glyphosat könnte Entwicklung resistenter Keime fördern. https://www.aerzteblatt.de/search/result/8ca4efb4-7fa4-4c2e-937f-426d45b2d421?q=umwelt (abgerufen am 23.04.2026)

Knecht, C. A. et al. (2026): Glyphosate resistance as a potential driver for the dissemination of multidrug-resistant clinical strains. Frontiers. DOI: 10.3389/fmicb.2026.1740431

Scimex (2026): Pressemitteilung. EXPERT REACTION: Soils exposed to glyphosate might also be harbouring hospital superbugs. https://www.scimex.org/newsfeed/expert-reaction-soils-exposed-to-glyphosate-might-also-be-harbouring-hospital-superbugs (abgerufen am 23.04.2026)

Auch interessant:
Bild zum Artikel„Der Faktor Mensch im Cockpit“

Worin sind Menschen besonders gut? Worin weniger gut? Welche Rückschlüsse lassen die Antworten auf Entscheidungen im Cockpit zu? Darum und um manches mehr ging es bei einem Seminar der Flugschule Advanced Aviation Training in Bonn/Hangelar zum Thema Ressourcen Management im Single Pilot Cockpit.

Bild zum Artikel„Depression und Schlaf: Rolle von Antidepressiva und Johanniskraut“

Schlafstörungen gehören bei bis zu 90% der Menschen mit Depressionen zum klinischen Bild. Verschiedene Antidepressiva beeinflussen den Schlaf sehr unterschiedlich – von schlafstörend bis tiefschlaffördernd, inklusive Johanniskraut-Extrakt.

Bild zum Artikel„Pillen und Pfunde: Antidepressiva im Gewichtscheck“

Drohen sie mit Pfunden? Boston-Studie mit rankt die Risiken – welche Wirkstoffe wiegen schwerer, welche bleiben leicht? Johanniskraut als smarte Alternative, Leitlinie navigiert.

Navigation Schließen Suche E-Mail Telefon Kontakt Pfeil nach unten Pfeil nach oben Pfeil nach links Pfeil nach rechts Standort Download Externer Link Startseite