Wie stark ist der Händedruck? Ein neuer Marker für die Folgen von Depressionen

Ein Mann und eine Frau schütteln sich die Hände. Die Gesichter beider Personen sind nicht zu sehen.

Eine Studie des Universitätsklinikums Würzburg zeigt, dass sich die Muskelkraft nach überstandener Depression nicht automatisch wieder normalisiert – und hält die Handgriffstärke deshalb als potenziellen Langzeitmarker für körperliche und psychische Gesundheit ins Gespräch (2026; DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0144).

Handkraft als einfacher Fitness‑Biomarker

Handgriffstärke gilt in der Medizin als einfaches, kostengünstiges Verfahren, um die Muskelkraft und damit die allgemeine physische Leistungsfähigkeit zu bewerten. Ein elektronisches Dynamometer ermittelt den Mittelwert aus drei Messungen der dominanten Hand. Die Handkraft dient als etablierter Biomarker für Fitness und Gesundheit und wurde in früheren Studien an der Allgemeinbevölkerung mit Sterblichkeitsrisiko, körperlicher Leistungsfähigkeit und psychischer Gesundheit verknüpft. Dass sie bei Erkrankungen wie Schizophrenie und Depression vermindert ist, war bereits bekannt – unklar blieb, wie sie sich über akute Episoden hinaus entwickelt.

Vergleich: Schizophrenie, aktuelle und überstandene Depression

Die Studie umfasste 533 Personen: 175 ohne psychische Diagnose, 79 mit aktueller Depression, 104 mit überstandener Depression sowie 175 mit Schizophrenie. Die Werte der dominanten Hand wurden in allen Gruppen originaler Methodik nach denselben Studien aus Bern und Chicago erfasst, die vom Schweizerischen Nationalfonds und NIH finanziert wurden. Die Analysen zeigen, dass gesunde Personen die höchste Handkraft aufweisen.

Bei Schizophrenie liegen die Werte darunter, aber deutlich über denen von Menschen mit Depressionen. Am niedrigsten ist die Handkraft bei Personen mit aktueller oder überstandener Depression – ohne Unterschied zwischen beiden Gruppen. „Wir hatten erwartet, dass Menschen mit überstandener Depression wieder eine normale Handkraft aufweisen“, sagt Prof. Dr. med. Sebastian Walther, Direktor der Klinik für Psychiatrie am Uniklinikum Würzburg. Dass sie sich nicht erholt, scheint beunruhigend.

Geschlecht, Symptomatik und mögliche Ursachen

Bei Schizophrenie korreliert geringere Handkraft mit stärker ausgeprägten negativen Symptomen – etwa Motivations‑ und Antriebsmangel. In geschlechtsspezifischen Analysen zeigt sich dieser Zusammenhang bei Männern, nicht aber bei Frauen. Für Walther ist das ein Hinweis darauf, dass neurobiologische und körperliche Prozesse sich je nach Diagnose und Geschlecht unterscheiden.

Die Frage, ob eine niedrige Handkraft bei überstandener Depression ein echtes Fitness‑Defizit oder ein Problem der motorischen Steuerung ist, bleibt offen. Eine frühere Metaanalyse von Walther (2022; doi: 10.1017/S0033291722000903) zeigt: Menschen nach depressiver Episode bewegen sich noch immer deutlich weniger als Gesunde – ein Muster, das auf eine messbare, länger bestehende psychomotorische Veränderung hindeutet.

Auswirkungen auf Therapieplanung und Prognose

Walther betont, dass die Antwort auf die Ursache der verminderten Handkraft entscheidend für die Behandlung ist. Ein neuromotorisches Steuerungsproblem – etwa eine gestörte Hirn‑Körper‑Interaktion – wäre kein direkter Marker für körperlichen Abbau, sondern spräche für Koordinationstraining, physiotherapeutische Übungen oder Bewegungstherapie. Ein echtes Fitness‑Defizit hingegen deutet darauf hin, dass Depressionen körperliche Spuren hinterlassen – und gezielte körperliche Interventionen könnten die Langzeitprognose und die Überlebenswahrscheinlichkeit verbessern.

Psychische Erkrankungen wie Depressionen und Schizophrenien senken statistisch die Lebenserwartung: Menschen mit Schizophrenie sterben im Schnitt rund 20 Jahre früher, Menschen mit Depressionen etwa 10 Jahre vorzeitig. Die Studienlage weist ein um 2,5‑mal höheres Sterberisiko bei Schizophrenie und eine um 1,7‑fach höhere Mortalität bei Depressionen gegenüber Gesunden aus.

Ausblick

Die Ergebnisse werfen die Frage auf, ob Depressionen bleibende körperliche Spuren hinterlassen – mit möglichen Folgen für Fitness, Therapie und Lebenserwartung. Weitere Studien sollen klären, ob eine niedrige Handkraft trotz überstandener Depression eher ein Motorik‑ oder ein echtes Fitness‑Problem ist. Die Handkraft könnte zukünftig als einfacher Frühwarnindikator in der Routine eingesetzt werden, um körperliche Interventionen gezielt zu kombinieren mit psychotherapeutischen und medikamentösen Ansätzen.

Therapiedauer bei Depression: Abbruch vermeiden, Response gezielt verbessern

Quellen:

Deutsches Ärzteblatt: Auch nach überstandener Depression bleibt die Handkraft vermindert. 2026. https://www.aerzteblatt.de/search/result/c27804e5-ab4c-4dd1-807b-bc9b1686a39a?q=depression (abgerufen am 16.04.2026)

Informationsdienst Wissenschaft (idw): Pressemitteilung. Uniklinik Würzburg. Schwache Handkraft als Warnsignal für psychische Erkrankungen. https://idw-online.de/de/news867909

Känel et al. (2026): Transdiagnostic Patterns of Grip Strength in Schizophrenia, Current Depression, and Remitted Depression. Jama Psychiatry. DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2026.0144.

Auch interessant:
Bild zum Artikel„Jahreszeitliche Tiefs: Wann wird's ernst?“

Müdigkeit und Heißhunger im Winter? Oft harmlos, doch bei anhaltenden Symptomen könnte eine saisonal bedingte Depression (SAD) vorliegen. Ursachen, Warnsignale und bewährte Therapien im Überblick für Betroffene und Fachkräfte.

Bild zum Artikel„Wenn die Haut überreagiert: Herausforderung „Sensitive Skin““

Empfindliche Haut ist kein Nischenthema – viele Patient:innen leiden unter Brennen, Juckreiz und Spannungsgefühl. Eine Creme mit Panthenol, Präbiotika und probiotischen Lysaten zeigt beeindruckende Soforteffekte: Bereits 15 Minuten nach Anwendung gingen die Symptome zurück. Effektive Pflege, die Barriere und Mikrobiom gezielt stärkt.

Bild zum Artikel„Die Ketten der Nikotinsucht durchbrechen: Transkranielle Magnetstimulation als vielversprechende Methode zur Raucherentwöhnung“

rTMS könnte die Suchtmedizin revolutionieren: Eine große Studie zeigt, dass tiefe Hirnstimulation bei Nikotinabhängigkeit wirkt – besser als Placebo. In Kombination mit Verhaltenstherapie steigert sie die Abstinenzrate deutlich. Erste Kliniken in Deutschland testen bereits das Verfahren.

Navigation Schließen Suche E-Mail Telefon Kontakt Pfeil nach unten Pfeil nach oben Pfeil nach links Pfeil nach rechts Standort Download Externer Link Startseite