Psychische Belastung: Was Ärzt:innen schützt und unterstützt
Psychische Belastung bei Ärzt:innen verlangt individuelle Unterstützung und Veränderungen am Arbeitsplatz. Bei einer Veranstaltung des Marburger Bundes Schleswig-Holstein in Bad Segeberg betonten Fachleute das Zusammenspiel von Selbstfürsorge, strukturellen Änderungen und niedrigschwelligen Hilfsangeboten. Auch der Umgang mit eigenen Erkrankungen und die Angst vor beruflichen Konsequenzen standen im Mittelpunkt.
Psychische Belastung: Was die WHO-Studie zeigt
Ein Drittel der befragten Ärzt:innen und Pflegefachkräfte in Europa zeigte Symptome von Depressivität oder Angsterkrankungen. Das erläuterte Maxi Braun, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie mit Spezialisierung auf die psychische Behandlung von Mediziner:innen, anhand einer WHO-Studie vom vergangenen Oktober. Diese Symptome sind beim Gesundheitspersonal fünfmal häufiger als in der Allgemeinbevölkerung.
Die berichteten Ergebnisse umfassen:
- Deutschland: Rund 20 Prozent litten unter Angsterkrankungen
- Zehn Prozent berichteten Suizid- oder Selbstverletzungsgedanken innerhalb der letzten beiden Wochen
- Ein Drittel erlebte im vergangenen Jahr Bullying oder gewaltvolle Bedrohungen.
- Ein Viertel arbeitete mehr als 50 Stunden pro Woche
- Häufigere Nachtschichten und Überstunden erhöhten laut Braun das Belastungsrisiko; besonders betroffen seien jüngere Kolleg:innen und Ärztinnen.
Wie Arbeitsbedingungen und Selbstfürsorge helfen
Schützende Arbeitsbedingungen verbinden Beteiligung, verlässliche Grenzen und eine Kultur, die Hilfe unterstützt. Braun empfahl regelmäßiges Feedback und mehr Einbeziehung in Entscheidungen, besonders bei übertriebener Unruhe, Entscheidungsschwierigkeiten und großen Versagensängsten.
Für Menschen, die sich häufig überarbeiten und selbst „aufopfern“, nannte sie:
- Regelmäßige Supervision und kollegialen Austausch über Selbstfürsorgestrategien
- Klares Monitoring durch Vorgesetzte mit regelmäßigen Rücksprachen
- Klare Arbeits- und Zeitbegrenzungen
- Anerkennung individueller Vulnerabilität und Förderung der Hilfesuche
Was bedeutet Selbstfürsorge im Arbeitsalltag?
Selbstfürsorge umfasst hier Pausen, Erholung und das Setzen persönlicher Grenzen. Braun nannte Durchatmen, Trinken, Essen und ungestörte Toilettengänge sowie Sport, Achtsamkeitsübungen und Yoga zum Abschalten. Auch die eigene Berufsmotivation solle bewusst sein; als wichtigsten Resilienzfaktor bezeichnete sie die Bindung zu anderen Menschen.
„Pflegen Sie Ihre Beziehungen“, empfahl Braun.
Eigene Erkrankungen offenlegen: Chancen und Risiken
Ob Ärzt:innen ihre Erkrankung am Arbeitsplatz offenlegen, müssen sie selbst entscheiden können. Das unterstrich Astrid Freisen, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, die zunächst an Depressionen litt und später die Diagnose einer bipolaren Störung erhielt. Sie fragte sich wiederholt, ob sie selbst erkrankt andere Menschen behandeln könne und dürfe.
Was bedeutet Selbststigmatisierung?
Selbststigmatisierung beschreibt hier die Abwertung der eigenen Person und beruflichen Kompetenz wegen einer Erkrankung.
„Ich habe mich aufgrund meiner Erkrankung selbst stigmatisiert und mich an meinem Arbeitsplatz unsichtbar gemacht“, schilderte Freisen. Sie zweifelte an ihrer Kompetenz und fürchtete den Verlust von Job oder Approbation.
Approbation und Hilfe: Kompetenz nicht pauschal infrage stellen
Eine psychiatrische Diagnose oder Behandlung führt nach Freisens Darstellung nicht automatisch zum Entzug der Approbation. Entscheidend sei die gesundheitliche Eignung zur ärztlichen Berufsausübung. Wie vielen Menschen in Deutschland wegen einer psychischen Erkrankung tatsächlich die Approbation entzogen wurde, sei nicht durch Daten belegt.
Freisen berichtete keine negativen Erfahrungen mit direkten Kolleg:innen, wohl aber mit Vorgesetzten. Beim Einstieg in einen neuen Job habe die Schwerbehindertenvertretung ihr sehr geholfen.
„Weil Ärztinnen und Ärzte oft denken, sie müssen sich nur zusammenreißen, holen sie sich zu spät oder gar keine Hilfe“, erklärte Freisen.
Gerade dies sei gefährlich: Betroffene müssten als Patient:innen und Ärzt:innen ernst genommen werden, Vertraulichkeit erwarten und Hilfe ohne pauschale Kompetenzzweifel annehmen können.
Ausblick: Vertrauliche Unterstützung strukturell verankern
Vertrauliche Hilfen und klare berufliche Strukturen müssen individuelle Selbstfürsorge ergänzen.
Freisen forderte, das Ideal des „unverwundbaren Profis“ zu hinterfragen und psychische Erkrankungen bereits in Ausbildung und Studium zu thematisieren.
Sichtbare Erfahrungen betroffener Fachpersonen könnten Stigmatisierung und Selbststigmatisierung entgegenwirken.
FAQ: Häufige Fragen
Welche Gruppen sind besonders von psychischer Belastung betroffen?
Jüngere Kolleg:innen, Ärztinnen und Pflegekräfte sind besonders betroffen. Häufigere Nachtschichten und Überstunden erhöhten das Risiko psychischer Belastung.
Wie können Ärzt:innen im Alltag für sich sorgen?
Pausen, persönliche Grenzen und soziale Beziehungen gehören zu den Möglichkeiten der Selbstfürsorge. Sport, Achtsamkeitsübungen und Yoga könnten beim Abschalten helfen.
Wer entscheidet über die Offenlegung einer Erkrankung?
Betroffene Ärzt:innen müssen selbst entscheiden können, ob und wem sie ihre Erkrankung mitteilen.
Wann führt eine psychische Erkrankung zum Approbationsentzug?
Eine Diagnose oder Behandlung allein führt nicht automatisch zum Approbationsentzug. Maßgeblich sei die gesundheitliche Eignung zur Berufsausübung.
Welche Unterstützung bietet die PSU Helpline?
Die PSU Helpline bietet Ärzt:innen kollegiale Unterstützung bei Krisen, schwerwiegenden Ereignissen am Arbeitsplatz und psychischer Belastung. Entsprechend ausgebildete ärztliche Kolleg:innen führen die Gespräche, die auch anonym möglich sind. Das Angebot ist von Psychotherapie abzugrenzen.
Quellen:
- Deutesches Ärzteblatt (2026): Strategien und Tipps zum Schutz vor psychischer Belastung am ärztlichen Arbeitsplatz. https://www.aerzteblatt.de/search/result/bbd96673-7f89-4f43-8473-588d91b08083?q=depression
- Report (2025): Mental Health of Nurses and Doctors survey in the European Union, Iceland and Norway. https://www.who.int/europe/publications/i/item/WHO-EURO-2025-12709-52483-81031
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