Dopamin im Fokus: Pramipexol lindert Anhedonie bei Depression

Illustration eines Frauenkopfes mit geschlossennen Augen. Der Kopf ist umgeben von Wolken, aus denen Blitze hervorschießen.

Die Behandlung der Anhedonie bei Depression könnte durch Pramipexol verbessert werden. Eine randomisierte Studie (DOI: 10.1038/s41591-026-04465-9) zeigt eine signifikante Abnahme der Symptomlast, während gleichzeitig Nebenwirkungen auftreten. Besonders relevant ist der dopaminerge Ansatz, da klassische Antidepressiva wie SSRI oft unzureichend wirken. Die Ergebnisse liefern zudem Hinweise auf neurobiologische Mechanismen im Belohnungssystem.

Was ist Anhedonie bei Depression?

„Anhedonie ist eines der belastendsten Symptome einer Depression und etwas, auf das die derzeit verfügbaren Antidepressiva oft nur eine begrenzte Wirkung haben. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass Pramipexol für diese Patient:innengruppe eine wichtige neue Therapieoption sein könnte“, erläutert Daniel Lindqvist, Forscher an der Universität Lund und leitender Oberarzt in der Psychiatrie in der Region Skåne.

Anhedonie bezeichnet eine verminderte oder fehlende Fähigkeit, positive Emotionen oder Freude zu erleben. Sie wird als Kernsymptom affektiver Störungen eingeordnet und ist eng mit Veränderungen im Belohnungssystem verbunden. Sie betrifft alltägliche Aktivitäten und Hobbys und tritt auch bei leichten depressiven Formen auf. Häufig spricht sie nicht ausreichend auf SSRI oder andere Antidepressiva an.

Als mögliche Ursache gilt eine Fehlregulation des dopaminergen Belohnungssystems im Mittelhirn. Dopamin fungiert dabei als zentraler Neurotransmitter für Motivation und Belohnungsverarbeitung. Diese Annahme bildet die Grundlage für den Einsatz von Dopamin‑Agonisten wie Pramipexol.

Studienergebnisse zu Pramipexol

Pramipexol führte in einer randomisierten Studie zu einer signifikanten Verbesserung der Anhedonie. An der PRIME‑PRAXOL‑Studie nahmen 85 Personen teil, überwiegend mit Major‑Depression, teilweise mit Dysthymie oder bipolarer Störung. Die Ausgangswerte lagen im Mittel bei 40,2 Punkten auf der Snaith Hamilton Pleasure Scale (SHAPS).

Die Behandlung erfolgte zusätzlich zu bestehenden Antidepressiva und zeigte einen schnellen Wirkungseintritt:

  • Nach 3 Wochen: Signifikanter Rückgang der SHAPS-Werte.
  • Nach 9 Wochen: Mittlere Differenz von 4,04 Punkten gegenüber Placebo.
  • Effektstärke: Hedges’ g = 0,62 mit 95-%-Konfidenzintervall von 1,18 bis 6,89.
  • Remission: 30,77% unter Pramipexol versus 12,82% unter Placebo.

Die Wirkung verstärkte sich in einer 6‑monatigen offenen Fortsetzung (LONG‑PRAXOL). Parallel wurde eine Zunahme der körperlichen Aktivität gemessen, erfasst über Akzelerometer.

Nebenwirkungen und Nutzen im Vergleich

Pramipexol verbessert die Anhedonie, ist jedoch mit häufigen Nebenwirkungen verbunden. Besonders relevant ist der Verlust der Impulskontrolle, der früh im Verlauf auftritt.

Vergleich Pramipexol vs. Placebo:

Kriterium Pramipexol Placebo
Impulskontrollprobleme (Woche 3) 25,58 % 4,76 %
Schlafstörungen 72,09 % 33,33 %
Übelkeit 60,47 % 14,29 %
Schwindel 32,59 % 4,76 %
Müdigkeit 46,51 % 30,95 %
Angstzustände 30,23 % 7,14 %

Die Impulskontrollprobleme nahmen im Verlauf ab und unterschieden sich ab Woche 6 oder 9 nicht mehr von Placebo. Dennoch können Nebenwirkungen die Lebensqualität beeinträchtigen. Daher empfehlen die Forschenden eine individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung.

fMRT und das Belohnungssystem

Die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) misst Veränderungen der Hirndurchblutung und erlaubt Rückschlüsse auf neuronale Aktivität während Aufgaben. Sie liefert damit Hinweise auf mögliche Wirkmechanismen von Pramipexol. Untersucht wurden 48 Teilnehmende vor und nach 9 Wochen mittels BOLD-Signal in definierten Hirnregionen.

Im MID-Test reagierten Teilnehmende auf Reize, um Geld zu gewinnen oder zu verlieren. Fokus war das ventrale Striatum als zentrale Region im Belohnungssystem.

Die Ergebnisse waren nicht eindeutig: In der Pramipexol-Gruppe zeigte sich keine Veränderung, während in der Placebo-Gruppe die Aktivität abnahm. Dadurch ergab sich am Studienende ein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen.

Ausblick

Pramipexol könnte eine ergänzende Therapieoption bei therapieresistenter Anhedonie darstellen, bleibt aber aufgrund der Nebenwirkungen begrenzt einsetzbar. Die vorliegenden Daten zeigen konsistente Effekte mit einer früheren Studie (PAX-D; DOI: 10.1016/S2215-0366(25)00194-4), was die Relevanz des dopaminergen Ansatzes stärkt. Gleichzeitig ist unklar, welche Patient:innen besonders profitieren und wie stabil die Effekte langfristig sind.

Die Bildgebungsdaten liefern keine eindeutige Erklärung des Wirkmechanismus und zeigen Forschungsbedarf. Auch bleibt offen, wie sich die Therapie in bestehende Behandlungsleitlinien einfügt. Die Autor:innen betonen daher eine individuelle Indikationsstellung im klinischen Alltag.

Was ist Pramipexol und wofür wird es eingesetzt?

Pramipexol ist ein Dopamin‑Agonist, der ursprünglich zur Behandlung des Morbus Parkinson zugelassen ist. Er wirkt auf das dopaminerge System im Gehirn. In Studien wird er zusätzlich zur Behandlung von Anhedonie bei Depression untersucht.

Wie schnell wirkt Pramipexol bei Anhedonie?

Pramipexol zeigt bereits nach etwa 3 Wochen eine messbare Wirkung. In der Studie kam es zu einem signifikanten Rückgang der SHAPS-Werte in diesem Zeitraum. Die Effekte verstärkten sich über mehrere Wochen weiter.

Welche Nebenwirkungen treten häufig auf?

Häufige Nebenwirkungen sind Schlafstörungen, Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit und Angstzustände. Besonders relevant ist ein vorübergehender Verlust der Impulskontrolle. Diese Effekte können die Lebensqualität beeinflussen.

Welche Rolle spielt das Belohnungssystem im Gehirn?

Das Belohnungssystem steuert Motivation und Freude und basiert wesentlich auf Dopamin. Eine Fehlregulation kann zu Anhedonie führen. Pramipexol setzt genau an diesem System an.

Quellen:
  • Deutsches Ärzteblatt (2026): Depressionen: Dopamin-Agonist lindert Anhedonie. https://www.aerzteblatt.de/search/result/28469bb6-4a92-4178-95ae-f1ec008bcfc3?q=depression (afgerufen am 16.07.2026)
  • Ventorp, F. et al. (2026): Efficacy and target engagement of dopamine agonist pramipexole for anhedonic depression: a randomized placebo-controlled trial. Nature Medicine. https://doi.org/10.1038/s41591-026-04465-9
  • Browning, M. et al. (2025): Pramipexole augmentation for the acute phase of treatment-resistant, unipolar depression: a placebo-controlled, double-blind, randomised trial in the UK. The Lancet Psychiatry. DOI: https://doi.org/10.1016/S2215-0366(25)00194-4
  • Pressemitteilung Lund University (2026): Parkinson's medication shows promise in treating treatment-resistant depression. https://www.lunduniversity.lu.se/article/parkinsons-medication-shows-promise-treating-treatment-resistant-depression
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