Atopische Dermatitis und Diabetes: Gibt es eine Verbindung?

Die Hand einer älteren Person hält den anderen Arm unterhalb des Ellbogens fest. Die Haut sieht angegriffen aus.
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Atopische Dermatitis und Diabetes mellitus geben der Wissenschaft weiterhin Rätsel auf. Aktuelle Berichte aus der Fachzeitschrift „Die Dermatologie“ unterstreichen, dass ein möglicher Zusammenhang zwar diskutiert, bislang aber nicht abschließend geklärt ist. Dennoch rückt die Frage nach gemeinsamen Mechanismen zunehmend in den Fokus der klinischen und translationalen Forschung.

Atopische Dermatitis: Mehr als nur ein Hautproblem

Die atopische Dermatitis ist eine chronische, entzündliche Hauterkrankung, die durch ein komplexes Zusammenspiel aus genetischer Veranlagung, Hautbarrierestörung und immunologischen Reaktionen geprägt ist. Sie tritt vor allem im Kindesalter auf, kann jedoch auch im Erwachsenenalter persistieren oder neu manifest werden. Zunehmend wird deutlich, dass es sich nicht nur um eine lokal begrenzte Hauterkrankung handelt, sondern um ein eher systemisches Geschehen, das verschiedene Organsysteme beeinflussen kann.
Ein zentrales Konzept in diesem Kontext ist der sogenannte „atopische Marsch“: Bei Patient:innen mit atopischer Dermatitis können zunächst Nahrungsmittelallergien im Säuglingsalter auftreten, denen im Verlauf allergische Rhinitis und Asthma im Kindesalter folgen. Dieses Progressionsmuster verdeutlicht, dass atopische Dermatitis in viele Bereiche der allergologischen und immunologischen Krankheitslandschaft hineinwirkt.

Diabetes mellitus: Autoimmunität und Stoffwechselentgleisung

Diabetes mellitus ist eine Stoffwechselerkrankung, die durch eine anhaltende Hyperglykämie infolge von Insulinmangel oder Insulinresistenz gekennzeichnet ist. Die zugrunde liegende Pathogenese unterscheidet sich je nach Typ der Erkrankung: Beim Typ-1-Diabetes mellitus steht eine autoimmunvermittelte Zerstörung der insulinproduzierenden Pankreaszellen im Vordergrund. Beim Typ-2-Diabetes mellitus sind sowohl genetische Faktoren als auch Umwelt- und Lebensstilfaktoren beteiligt, die gemeinsam zur Entwicklung einer Insulinresistenz führen.

Beide Formen des Diabetes mellitus teilen das Merkmal chronischer Entzündungen und komplexer Immunreaktionen, auch wenn die Mechanismen sich in Details unterscheiden. Damit ergeben sich theoretische Anknüpfungspunkte zu anderen immunvermittelten Erkrankungen wie der atopischen Dermatitis.

Gemeinsame Entzündungswege: Th1, Th2 und mehr

Die Diskussion um eine mögliche Verbindung zwischen atopischer Dermatitis und Diabetes mellitus beruht wesentlich auf gemeinsamen pathophysiologischen Mechanismen. Beide Erkrankungen sind durch einen anhaltenden proinflammatorischen Zustand gekennzeichnet, in dem Immunzellen und proinflammatorische Zytokine eine zentrale Rolle spielen. Klassischerweise wird atopische Dermatitis als Th2-dominierte Erkrankung beschrieben, während insbesondere der Typ‑1-Diabetes mellitus eher mit Th1-gesteuerten Immunreaktionen in Verbindung gebracht wird.

Neuere Konzepte des Th1/Th2-Paradigmas legen jedoch nahe, dass Th1- und Th2-gesteuerte Erkrankungen durchaus nebeneinander bestehen können und sich gegenseitig beeinflussen. Proinflammatorische Zytokine, die bei atopischer Dermatitis eine Rolle spielen, könnten gleichzeitig das entzündliche Milieu fördern, das mit Diabetes mellitus assoziiert ist. Diese Überschneidungen im immunologischen Netzwerk werden zunehmend als mögliche Brücke zwischen Haut- und Stoffwechselerkrankungen verstanden – auch wenn der konkrete klinische Einfluss noch nicht abschließend geklärt ist.

Klinische Konsequenzen: Ganzheitlicher Blick auf Patient:innen

Trotz fehlender endgültiger Beweise für einen Zusammenhang hat die Diskussion wichtige praktische Implikationen. Für die Versorgung von Patient:innen mit atopischer Dermatitis wird eine multidisziplinäre Zusammenarbeit empfohlen, an der insbesondere Dermatologie, Kinderheilkunde, Endokrinologie und Ernährungsmedizin beteiligt sein können. Eine sorgfältige, frühzeitige Diagnose und konsequente Behandlung der atopischen Dermatitis könnte dazu beitragen, das Risiko für die Entwicklung von Typ‑1- und Typ‑2-Diabetes mellitus möglicherweise zu beeinflussen – auch wenn ein direkter präventiver Effekt derzeit noch nicht bewiesen ist.
Für die klinische Praxis bedeutet dies, dass chronische Entzündungen und Immunreaktionen nicht isoliert betrachtet werden sollten. Vielmehr ist ein ganzheitlicher Ansatz gefragt, der Haut, Stoffwechsel und Immunsystem gemeinsam in den Blick nimmt, um langfristige gesundheitliche Folgen besser zu verstehen und behandelbare Risikokonstellationen frühzeitig zu erkennen.

Forschungsperspektiven: Viele Fragen, große Chancen

Um die Beziehung zwischen atopischer Dermatitis und Diabetes mellitus besser zu verstehen, sind weitere Forschungsarbeiten notwendig. Zukünftige Studien müssen klären, ob bestimmte Subgruppen von Patient:innen ein erhöhtes Risiko aufweisen, welche Rolle genetische Faktoren spielen und inwieweit spezifische Entzündungswege gezielt therapeutisch adressiert werden können.

Quellen:
  • Springer Medizin: Was haben atopische Dermatitis und Diabetes mellitus miteinander zu tun? 2025. https://www.springermedizin.de/haengen-atopische-dermatitis-und-diabetes-mellitus-zusammen-/50667244 (abgerufen am 29.12.2025).
  • Springer Medizin: Atopische Dermatitis und Diabetes mellitus – Gibt es Zusammenhänge? 2024. https://www.springermedizin.de/atopische-dermatitis/diabetes-mellitus/atopische-dermatitis-und-diabetes-mellitus-gibt-es-zusammenhaeng/50326834 (abgerufen am 29.12.2025).
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