Wenn die Frühjahrsmüdigkeit bleibt: Wann wir genauer hinschauen sollten
Die Natur erblüht, die Sonne wärmt – und trotzdem fühlen sich viele Menschen im Frühling abgeschlagen, lustlos und müde. Das Phänomen der sogenannten Frühjahrsmüdigkeit gilt als bekannt und meist harmlos. Doch nicht immer lässt sich die Trägheit auf den jahreszeitlichen Hormonumschwung zurückführen. Bei anhaltender Antriebslosigkeit oder Stimmungstiefs sollten Ärzt:innen hellhörig werden, denn hinter der Müdigkeit können sich ernste Erkrankungen verbergen – von Depressionen über Angststörungen bis hin zu Infektionen oder Schilddrüsenproblemen.
Ein Beispiel: Die 34-jährige Marianna M. freut sich auf die ersten Sonnenstrahlen und sportliche Aktivitäten an der Elbe. Doch statt Energie zu verspüren, fehlt ihr jeglicher Antrieb. Trotz ausreichend Schlaf, gesunder Ernährung und Bewegung bleibt sie müde. Ihr Hausarzt rät zu einer gründlichen Abklärung – ganz im Sinne der DEGAM-Leitlinien, die bei ungeklärter Müdigkeit stets eine umfassende Diagnostik empfehlen.
Leitlinien fordern gezielte Abklärung
Die S2-Leitlinie „Schutz vor Über- und Unterversorgung“ (2023) sowie die S3-Leitlinie „Müdigkeit“ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM) raten dazu, primäre Müdigkeitsbeschwerden nie zu bagatellisieren. Zu den häufigsten organischen Hintergründen zählen Infektionen wie Epstein-Barr-Virus, HIV oder Q-Fieber, aber auch hormonelle Dysregulationen. Ebenso häufig liegt eine psychische Ursache zugrunde, etwa eine Depression oder Angststörung.
Im Fall von Marianna werden Laborwerte – darunter Blutglukose, Transaminasen, γ-GT, TSH, Blutsenkung und CRP – überprüft. Parallel führt der Arzt Screeningfragen zu Depression, Angst und Schlafapnoe durch. Diese strukturierte Diagnostik folgt der DEGAM- und S3-Leitlinie und gilt als Standardvorgehen in der hausärztlichen Praxis.
Depression erkennen: Zwei Fragen, die viel verraten
Um eine depressive Erkrankung auszuschließen, empfiehlt die Leitlinie zwei einfache, aber aussagekräftige Screeningfragen:
„Fühlten Sie sich im letzten Monat häufig niedergeschlagen, traurig, bedrückt oder hoffnungslos?“
„Hatten Sie im letzten Monat deutlich weniger Lust und Freude an Dingen, die Sie sonst gerne tun?“
Verneinen Patient:innen beide Fragen, kann eine „Major Depression“ mit hoher Sicherheit ausgeschlossen werden – die Sensitivität dieser Fragetechnik liegt laut Leitlinie bei 96 %.
Werden eine der beiden Fragen mit ‚ja‘ beantwortet, sollten zusätzliche Symptome erfragt werden, die auf eine Depression hinweisen können: Schlafstörungen, mangelnde Konzentration, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, Hoffnungslosigkeit, Appetitveränderungen, Suizidgedanken oder Antriebsmangel. Sind fünf oder mehr dieser Kriterien erfüllt, liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine depressive Episode vor, die behandelt werden sollte.
Richtige Therapieentscheidung je nach Schweregrad
Gemäß der Nationale VersorgungsLeitlinie „Unipolare Depression“ richtet sich die Akuttherapie nach Schweregrad:
- Leichte Episoden: Zunächst sollten niedrigintensive Interventionen, etwa Online- oder mobilbasierte Programme, angeboten werden. Persistiert die Symptomatik, kann eine Psychotherapie folgen. Eine medikamentöse Therapie ist hier nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung sinnvoll.
- Mittelgradige Episoden: Hier können Psychotherapie und Antidepressiva gleichberechtigt angeboten werden. Digitale Zusatzangebote sind möglich.
- Schwere Episoden: Leitlinien empfehlen eine Kombination aus medikamentöser Behandlung und Psychotherapie, um rasch zu stabilisieren.
Für die Auswahl eines geeigneten Antidepressivums sind Nebenwirkungs- und Wechselwirkungsprofile zentral. Bei leichten bis mittelschweren Depressionen kommen SSRI, SSNRI oder pflanzliche Präparate wie Johanniskraut (Hypericum perforatum) infrage. Wichtig: Laut Leitlinie dürfen nur Präparate eingesetzt werden, die für diese Indikation zugelassen sind, etwa Laif® 900. Während Johanniskraut Nebenwirkungen wie Phototoxizität (Photosensibilisierung) aufweist, sind Gewichtszunahme, sexuelle Dysfunktionen oder QT-Zeitverlängerung – im Gegensatz zu vielen synthetischen Antidepressiva – nicht bekannt.
Screening auch auf Angststörungen und Schlafapnoe
Da Müdigkeit häufig multifaktoriell bedingt ist, empfiehlt die Leitlinie, bei unklaren Fällen weitere Screeningfragen einzusetzen:
Angststörung:
„Leiden Sie unter nervlicher Anspannung oder starker Ängstlichkeit?“
„Sorgen Sie sich über vielerlei Dinge?“
„Erleben Sie Angstattacken?“
Schlafapnoe-Syndrom:
„Leiden Sie unter lautem Schnarchen oder Atempausen im Schlaf?“
„Schlafen Sie tagsüber unbeabsichtigt in unangemessenen Situationen ein?“
Diese einfachen Fragen können entscheidende Hinweise auf bisher unerkannte Ursachen der Erschöpfung liefern.
Gut zu wissen: Wenn Eisenmangel die Ursache ist
Im Fall von Marianna blieben die Screenings auf Depression, Angst und Schlafapnoe unauffällig. Eine Laborkontrolle brachte schließlich die Ursache ans Licht: Ein Eisenmangel war für die Müdigkeit verantwortlich. Nach Beginn einer Eisensubstitution besserten sich ihre Symptome rasch – ein Beispiel dafür, dass körperliche Ursachen oft übersehen werden, wenn die Müdigkeit vorschnell als psychisch eingeordnet wird.
Energie zurückgewinnen: 5 Tipps gegen Frühjahrsmüdigkeit
Nicht jede Frühjahrsmüdigkeit ist pathologisch – viele Beschwerden verschwinden von selbst, wenn der Körper sich an die längeren Tage und steigenden Temperaturen anpasst. Folgende Maßnahmen können den Kreislauf zusätzlich in Schwung bringen:
- Regelmäßige Bewegung: Moderate körperliche Aktivität steigert Durchblutung und Energie.
- Tageslicht nutzen: Sonnenlicht fördert die Vitamin-D-Produktion und stabilisiert den Hormonhaushalt.
- Leichte Kost: Eine ausgewogene Ernährung hilft, den Stoffwechsel nach der Winterzeit zu aktivieren.
- Wechselduschen: Kalt-warme Reize fördern die Durchblutung und Wachheit.
- Regelmäßiger Schlafrhythmus: Konstanz unterstützt die natürliche Schlaf-Wach-Regulation.
Bleiben Erschöpfung und Antriebslosigkeit aber über Wochen bestehen, ist ärztlicher Rat erforderlich – insbesondere, um eine Depression oder andere Grunderkrankung nicht zu übersehen.
Quellen:
- S3-Leitlinie Müdigkeit (Kurzversion, AWMF-Register-Nr. 053-002). 2023. https://register.awmf.org/assets/guidelines/053-002k_S3_Muedigkeit_2023-01_01.pdf (abgerufen am 12.12.2025).
- DEGAM-S2e-Leitlinie Schutz vor Über- und Unterversorgung (Living Guideline, AWMF-Register-Nr. 053-045LG). 2024. https://www.degam.de/files/Inhalte/Leitlinien-Inhalte/Dokumente/DEGAM-S2-Leitlinien/053-045%20Schutz%20vor%20Ueber-und%20Unterversorgung/oeffentlich/Publikationsdokumente/5-aktualisierung_2024/053-045lglang_s3_lg_schut.pdf (abgerufen am 12.12.2025).
- Gastpar, M. et al. (2006): Comparative Efficacy and Safety of a Once-Daily Dosage of Hypericum Extract STW3-VI and Citalopram in Patients with Moderate Depression: A Double-Blind, Randomised, Multicentre, Placebo-Controlled Study. Pharmacopsychiatry. DOI: 10.1055/s-2006-931544
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 12.12.2025).
- Springer Medizin: Diagnostik: Frühjahrsmüde oder doch schon eine Depression? 2024. https://www.springermedizin.de/diagnostik--fruehjahrsmuede-oder-doch-schon-eine-depression-/27063328 (abgerufen am 12.12.2025).
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