Wenn die Depression wiederkommt: Aktueller Blick auf das Rückfallrisiko
Depression gilt als episodische, aber häufig wiederkehrende Erkrankung. Wer einmal eine depressive Episode durchlebt hat, trägt ein etwa 50 %iges Risiko, im Verlauf erneut zu erkranken. Dieses hohe Rezidivrisiko macht deutlich, dass die Behandlung nicht mit dem Verschwinden der akuten Symptome enden darf. Moderne Versorgungskonzepte rücken daher die Frage in den Mittelpunkt, wie der erreichte Therapieerfolg stabilisiert und ein erneuter Einbruch möglichst verhindert werden kann. Dabei spielen sowohl pharmakologische als auch psychotherapeutische und edukative Maßnahmen eine wichtige Rolle.
Mehr als Akutbehandlung: Warum Erhaltung so entscheidend ist
Die Akuttherapie einer Depression erstreckt sich in der Regel über etwa 6–12 Wochen und verfolgt das Ziel, die Symptomlast deutlich zu reduzieren und idealerweise eine weitgehende Remission zu erreichen. Doch auch bei Symptomfreiheit ist die Erkrankung damit nicht „abgeschlossen“. Wird die Behandlung an diesem Punkt beendet, steigt das Risiko eines Rückfalls deutlich an.
Die S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ empfiehlt daher, im Anschluss an die Akutphase eine Erhaltungstherapie durchzuführen – selbst dann, wenn sich die Patient:innen bereits wieder stabil fühlen. Diese Phase dient dazu, den erzielten Behandlungserfolg zu festigen und die Anfälligkeit für neue Episoden zu senken.
Neben der Qualität der Behandlung beeinflussen zahlreiche krankheits- und personenbezogene Faktoren das individuelle Rückfallrisiko. Dazu gehören unter anderem Häufigkeit und Schwere der bisherigen Episoden sowie die zeitliche Nähe früherer Erkrankungsphasen. Grundsätzlich gilt: Je mehr depressive Episoden bereits aufgetreten sind, je kürzer die Abstände zwischen ihnen waren und je schwerer der jeweilige Verlauf war, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines weiteren Rückfalls.
Leitlinienempfehlungen: Wie lange sollte weiterbehandelt werden?
Die konkrete Ausgestaltung der Erhaltungstherapie hängt davon ab, welche Maßnahmen in der Akutphase eingesetzt wurden:
Wurde primär medikamentös behandelt, soll das Antidepressivum in gleicher Dosierung über weitere 4–9 Monate fortgeführt werden. Erst danach ist eine schrittweise Dosisreduktion angezeigt.
Bei ausschließlich psychotherapeutischer Akutbehandlung wird empfohlen, über 8–12 Monate weiter Sitzungen durchzuführen – in reduzierter Frequenz, aber mit kontinuierlicher Begleitung.
Bei einer Kombinationstherapie sollen sowohl die medikamentöse Behandlung in unveränderter Dosis als auch eine wirksame Psychotherapie fortgesetzt werden.
Diese strukturierte Fortführung soll verhindern, dass eine scheinbare Stabilität zu früh zum Absetzen der Therapie verleitet.
Akzeptanz stärken: Rolle der Phytotherapie
In der Praxis zeigt sich häufig, dass Patient:innen nach einer deutlichen Besserung zögern, Antidepressiva über weitere Monate einzunehmen. Die Motivation sinkt, sobald die unmittelbare Belastung nachlässt – obwohl das Rückfallrisiko in dieser Phase besonders hoch ist.
Hier kann der Einsatz pflanzlicher Antidepressiva, etwa hochdosierter Johanniskraut-Extrakt, eine Option sein. Viele Menschen akzeptieren „natürliche“ Arzneimittel besser als synthetische Präparate, was die Bereitschaft zur längerfristigen Therapie steigern kann. Im Rahmen der partizipatorischen Entscheidungsfindung ist es zudem wichtig, die Präferenzen der Patient:innen ernst zu nehmen – eine passgenaue, akzeptierte Behandlung erhöht die Chance auf anhaltenden Erfolg.
Frühwarnzeichen erkennen: Wenn die Depression sich ankündigt
Depressive Rückfälle entstehen selten abrupt. Häufig kündigen sie sich mit subtilen Veränderungen an, die zunächst weniger ausgeprägt sind als während einer akuten Episode. Typische Hinweise sind etwa: anhaltende Müdigkeit, Erschöpfung und ein Gefühl von „Schlappheit“; körperliches Unwohlsein oder diffuse Beschwerden; Konzentrationsprobleme und subjektiv „verlangsamtes Denken“; muskuläre Verspannungen oder Druckgefühl im Brustbereich; Veränderungen von Trink- und Essgewohnheiten, mit mehr oder weniger Appetit als gewohnt; erhöhte Geräuschempfindlichkeit; verringerte Aktivität, sozialer Rückzug und Teilnahmslosigkeit.
Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe stellt eine Liste solcher häufig genannten Frühwarnzeichen zur Verfügung und betont deren Bedeutung für die Rezidivprävention. Je früher Symptome erkannt werden, desto eher kann therapeutisch gegengesteuert werden.
Langfristige Rezidivprophylaxe: Für wen 2 Jahre und länger sinnvoll sind
Bei Personen mit ausgeprägter Rezidivneigung ist eine zeitlich limitierte Erhaltungstherapie oft nicht ausreichend. In solchen Fällen empfehlen Expert:innen eine langfristige Prophylaxe über mindestens zwei Jahre. Ziel ist es, erneute Episoden und eine mögliche Verschärfung der Symptomatik zu vermeiden. Die Entscheidung für eine solche Rezidivprophylaxe sollte immer individualisiert erfolgen. Grundlage ist eine sorgfältige Analyse des bisherigen Krankheitsverlaufs – insbesondere der jüngeren Vergangenheit. So lässt sich abschätzen, welche Patient:innen von einer verlängerten, konsequenten Behandlung besonders profitieren.
Gemeinsame Planung: Patient:innen aktiv einbinden
Eine wirksame Rückfallprävention erfordert nicht nur die richtige Therapie, sondern auch eine klare, verständliche Kommunikation. Patient:innen sollten über ihr Rückfallrisiko, die Bedeutung der Erhaltungstherapie und typische Frühwarnzeichen aufgeklärt werden. Idealerweise entsteht ein gemeinsamer Plan, der konkrete Schritte für den Fall erster Anzeichen festhält. Durch diese partnerschaftliche Herangehensweise werden Betroffene zu aktiven Mitgestaltenden ihres Behandlungsverlaufs. Das stärkt die Therapietreue – und erhöht die Chance, dass die nächste depressive Episode ausbleibt oder zumindest deutlich abgeschwächt verläuft.
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Quellen:
- Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention: Rückfallprophylaxe. https://www.deutsche-depressionshilfe.de/depression-infos-und-hilfe/behandlung/rueckfallprophylaxe (abgerufen am 15.12.2025).
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. Registernummer: nvl-005. Version 3.2. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 15.12.2025).
- Springer Medizin: Therapieerfolg stabilisieren – Rückfall verhindern. 2021. https://www.springermedizin.de/therapieerfolg-stabilisieren---rueckfall-verhindern/18789552 (abgerufen am 15.12.2025).
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