Wenn der Appetit verschwindet: Ursachen und Therapien

Ein Mann sitzt an einem Tisch, vor sich einen Teller, eine Tasse, ein Glas Saft und eine (unscharfe) Schale mit roen Früchten. Der Mann hat den Kopf auf die rechte Hand gestützt und schaut auf eine Reiswaffel in seiner linken Hand.
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Appetitlosigkeit zählt zu den häufigen, aber oft unterschätzten Problemen in der Gastroenterologie. Auf der Digestive Disease Week 2026 in Chicago machte Dr. Kimberly Harer, Gastroenterologin an der University of Michigan in Ann Arbor, deutlich, wie komplex die Ursachen sein können – und warum eine sorgfältige Abklärung entscheidend ist. Denn selten steckt nur ein einzelner Auslöser dahinter: Häufig wirken mehrere Faktoren gleichzeitig zusammen und erschweren Diagnose und Therapie.

Vielfältige Auslöser im Zusammenspiel

Nach Angaben von Harer spielen Entzündungen, Symptome der Grunderkrankung, Medikamente sowie psychische und soziale Aspekte eine zentrale Rolle. So können proinflammatorische Zytokine direkt in die appetitregulierenden Signalwege eingreifen. Gleichzeitig beeinträchtigen typische Beschwerden vieler Magen-Darm-Erkrankungen die Nahrungsaufnahme erheblich. Dazu zählen etwa eine verzögerte Magenentleerung bei Gastroparese, Schmerzen und Völlegefühl bei gastroösophagealer Refluxkrankheit oder ein erhöhter abdomineller Druck bei Aszites.

Auch Medikamente geraten zu selten in den Blick. „Wir brauchen eine akkurate, vollständige Medikamentenliste“, betonte Harer und verwies darauf, dass auch frei verkäufliche Präparate und Nahrungsergänzungsmittel berücksichtigt werden müssen. Ergänzend beeinflussen Depressionen, Essstörungen, soziale Isolation oder restriktive Diäten das Essverhalten.

Diagnostik: Genaues Nachfragen ist entscheidend

Der Weg zur Diagnose beginnt laut Harer immer mit einer gründlichen Anamnese. Unspezifische Aussagen wie „kein Hunger“ reichen nicht aus – hier sei gezieltes Nachfragen erforderlich. „Man muss tief graben, um die gestörten Mechanismen zu identifizieren“, erläuterte sie.

Im nächsten Schritt sollten Medikation, Ernährungsgewohnheiten, psychosoziale Faktoren und der Gewichtsverlauf systematisch erfasst werden. Besonders wichtig: Nicht allein der Body-Mass-Index (BMI) zählt, sondern die Veränderung des Gewichts über die Zeit. „Nicht alle Patienten mit Mangelernährung haben einen niedrigen BMI“, gab Harer zu bedenken.

Warnsignale früh erkennen

Bestimmte Symptome erfordern besondere Aufmerksamkeit, da sie auf schwerwiegende Ursachen hindeuten können. Dazu gehören unbeabsichtigter Gewichtsverlust, häufiges Erbrechen, progrediente Dysphagie, Hämatochezie oder Meläna, Ikterus sowie starke oder zunehmende Schmerzen. Das frühzeitige Erkennen ist entscheidend für eine rechtzeitige weiterführende Diagnostik.

Therapie: Ursachen konsequent behandeln

Im Zentrum der Behandlung steht laut Harer die gezielte Therapie der zugrunde liegenden Erkrankung. „Symptome wie Übelkeit oder Verstopfung sollten aggressiv behandelt werden“, unterstrich sie. Je nach Ursache kommen unterschiedliche Maßnahmen infrage, etwa Antiemetika und Prokinetika bei Gastroparese, Laxanzien bei Obstipation, Zink bei Dysgeusie im Rahmen einer Zirrhose oder Enzymersatz bei exokriner Pankreasinsuffizienz.

Parallel dazu sollten Nährstoffdefizite ausgeglichen und Essgewohnheiten angepasst werden. Ernährungsinterventionen gelten als besonders risikoarm und kosteneffektiv. Bewährt haben sich kleine, häufige Mahlzeiten – 6 bis 10 pro Tag. Ergänzend können unnötige Diätbeschränkungen gelockert, Geschmacksverstärker eingesetzt oder die Nahrungstextur angepasst werden. Auch Essenszeiten und -umgebung spielen eine Rolle. Optimal ist ein multidisziplinärer Ansatz unter Einbezug von Gastroenterologie, Ernährungsberatung und Verhaltenstherapie.

Appetitsteigernde Medikamente mit Einschränkungen

Pharmakologische Optionen existieren, ihre Evidenz ist jedoch begrenzt. Laut Harer sind insbesondere Mirtazapin und Olanzapin interessant, da sie appetitsteigernde, antiemetische und neuromodulatorische Effekte kombinieren. Auch Cyproheptadin kann den Appetit und den BMI verbessern, etwa bei zystischer Fibrose. Allerdings sind anticholinerge Nebenwirkungen zu beachten, insbesondere bei älteren Patient:innen sowie bei Dysautonomie oder posturalem orthostatischem Tachykardiesyndrom (POTS).

Cannabinoide und Cannabis werden ebenfalls eingesetzt, sollten jedoch zurückhaltend verwendet werden. Zwar kann Cannabis kurzfristig den Appetit steigern, gleichzeitig sind gastrointestinale Nebenwirkungen beschrieben. Für Dronabinol liegen vor allem Daten zur HIV-assoziierten Anorexie vor, während belastbare Evidenz für gastroenterologische Erkrankungen weitgehend fehlt.

Ausblick

Die Behandlung von Appetitverlust erfordert eine individuelle und regelmäßig überprüfte Strategie. Laut Harer sollten medikamentöse Therapien etwa alle 4 bis 8 Wochen evaluiert werden, um Nutzen und Risiken neu abzuwägen. Künftig könnte eine noch engere Verzahnung von somatischen, ernährungsmedizinischen und psychosozialen Ansätzen dazu beitragen, die Versorgung betroffener Patient:innen weiter zu verbessern.

Quellen:
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