Long COVID trifft das Gehirn: Depressionen als Folgeerkrankung
Eine Corona-Infektion kann bleibende Hirnschäden hinterlassen – mit Depressionen als häufiger Folge bei Long-COVID-Patient:innen. Bevölkerungsbasierte Studien schätzen die Prävalenz von Long COVID (nach WHO: Post COVID mit Symptomen >3 Monate) auf bis zu 15%. Liuliu et al. (2024) vom Center for Genomic Health zeigten, dass SARS-CoV-2 bei 5% der infizierten dopaminergen Neuronen Seneszenz auslöst: Keine Dopaminproduktion mehr, stattdessen Entzündungssignale (doi: 10.1016/j.stem.2023.12.012). Wong et al. (2023) deuten zudem Serotoninmangel an (doi: 10.1016/j.cell.2023.09.013). Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat einen Therapiekompass für 12 Symptomkomplexe erstellt – speziell auch für Depressionen, da keine zugelassenen Long-COVID-Medikamente existieren.
Breites Spektrum: Long-COVID-Symptome und Therapieansätze
SARS-CoV-2 schädigt nicht nur Lunge, Herz und Nieren, sondern greift das Gehirn an und löst vielfältige Folgen aus. Der BMG-Therapiekompass listet In-Label- und Off-Label-Optionen für Komplexe wie Asthma/COPD, schwere Autoimmunerkrankungen, Angst-/Spannungszustände, chronische Herzinsuffizienz, Hypercholesterinämie, überschießende Immunreaktionen, Schmerzen/Schlafstörungen und Depressionen.
Depressionen bei Long COVID: Wann Antidepressiva indiziert sind
Bei Long-COVID-Betroffenen treten nach der Akutinfektion häufig depressive Erkrankungen auf. Erfüllt sich die ICD-10-Diagnose F32 (leichte/mittelschwere Depression) oder F33 (schwere/recidivierende Depression), gilt die volle Indikation für Antidepressiva. Der Kompass verweist auf die nationale S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ der AWMF.
Diagnostik: Die ICD-10-Kriterien präzise abfragen
Hauptsymptome einer Depression sind depressive Stimmung, Interessenverlust/Freudlosigkeit und Antriebslosigkeit/erhöhte Ermüdbarkeit. Praktische Fragen zur Abklärung: „Gab es Zeiten, an denen Ihre Stimmung besser oder schlechter war?“ (Stimmung), „Haben Sie Interesse an Beruf, Hobby oder Familie verloren?“; „Fällt Ihnen der Alltag schwerer als sonst?“ (Antrieb).
Es folgen 7 Nebensymptome (letzte 2 Wochen): verminderte Konzentration, gesenktes Selbstwertgefühl, Schuld-/Wertlosigkeitsgefühle, pessimistische Zukunftssicht, Suizidgedanken/-handlungen, Schlafstörungen, Appetitverlust. Mindestens 2 Hauptsymptome + 1 Nebenkriterium = leichte Depression; 2 Haupt- + ≥3 Nebenkriterien = mittelschwere Depression.
Antidepressiva-Klassen: Empfehlungen des Kompasses
Bei gesicherter Diagnose zeitnah therapieren. Der Therapiekompass nennt exemplarisch Substanzklassen mit Vertretern: NaSSA: z. B. Mirtazapin (Vorsicht: Fatigue-Verschärfung möglich); SNDRI: z. B. Bupropion; SSNRI: z. B. Duloxetin; SSRI/SARI: z. B. Paroxetin, Sertralin; Trizyklische Antidepressiva: z. B. Amitriptylin (Vorsicht: bei Tachykardie/Muskelfatigue). Die S3-Leitlinie ergänzt für leichte/mittelschwere Depressionen hochdosierten Johanniskrautextrakt als initialen Versuch.
Pflanzliche Alternative: Johanniskraut gleichwertig zu SSRI
Hochdosierter Johanniskrautextrakt (Laif® 900) erwies sich in klinischem Direktvergleich mit Citalopram (20 mg täglich) bei mittelschwerer Depression als therapeutisch gleichwertig – mit deutlich besserer Verträglichkeit.
Kinder und Jugendliche: Pandemie-Alarm
Das 8. Deutschland-Barometer Depression 2024 der Stiftung Deutsche Depressionshilfe zeigt: Jede 4. Person in Deutschland hatte bereits eine Depression. Neue Krankenkassendaten belegen steigende Fälle bei Kindern/Jugendlichen seit Corona – oft mit Wartezeiten auf Therapieplätze.
Praxis-Fazit: Schnelle Diagnostik, leitlinienkonforme Therapie
Long COVID kann durch neuronale Schäden (Dopamin-/Serotoninmangel) Depressionen triggern. BMG-Kompass und S3-Leitlinie bieten klare Wege: Präzise ICD-Diagnostik, dann Antidepressiva oder Johanniskraut. Besonders bei vulnerablen Gruppen wie Jugendlichen zeitnahe Intervention priorisieren.
Quellen:
- Yang et al. (2024): SARS-CoV-2 infection causes dopaminergic neuron senescence. Cell Stem Cell, DOI: 10.1016/j.stem.2023.12.012.
- Wong et al. (2023): Serotonin reduction in post-acute sequelae of viral infection. Cell, DOI: 10.1016/j.cell.2023.09.013.
- Robert Koch-Institut (RKI): Themen - Long COVID. 2025. https://www.rki.de/SharedDocs/FAQs/DE/COVID-19/Long-COVID/FAQ_Liste_Gesundheitliche_Langzeitfolgen.html (abgerufen am 16.12.2025)
- Bundesministerium für Gesundheit (BMG): Therapie-Kompass veröffentlicht. 2024. https://www.bmg-longcovid.de/zeitstrahl/therapie-kompass-veroeffentlicht (abgerufen am 16.12.2025)
- Gastpar, M. et al. (2006): Comparative Efficacy and Safety of a Once-Daily Dosage of Hypericum Extract STW3-VI and Citalopram in Patients with Moderate Depression: A Double-Blind, Randomised, Multicentre, Placebo-Controlled Study. Pharmacopsychiatry. DOI: 10.1055/s-2006-931544
- Kresimon, J. et al. (2012): Versorgung von Patienten mit mittelschwerer Depression unter Therapie mit Hypericum-Extrakt STW3-VI im Vergleich zu selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) im Praxisalltag. Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement. DOI: 10.1055/s-0031-1299123
- Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression: Kurzfassung, Version 3.0. 2022. https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/660e0e633be6f5db59e8f31ea3b144c29447b9b9/nvl-005k_S3_Unipolare_Depression_2022-10.pdf (abgerufen am 16.12.2025).
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 16.12.2025).
- Springer Medizin: Was tun, wenn COVID das Glückshormon zerstört? 2025. https://www.springermedizin.de/was-tun-wenn-covid-das-glueckshormon-zerstoert-/50767866 (abgerufen am 16.12.2025).
Die Magnetresonanztomographie (MRT) hat sich als unverzichtbares Instrument der medizinischen Bildgebung etabliert. Durch den KI-Einsatz entfalten ihre Daten ein revolutionäres Potenzial, das über die reine Visualisierung von Anatomie hinausgeht. KI-Algorithmen ermöglichen nicht nur schnellere Auswertungen, sondern auch präzise Vorhersagen von Krankheitsverläufen und Therapieantworten.
Eine umfassende Cochrane-Analyse bestätigt: Johanniskrautextrakte können bei leichten bis mittelschweren Depressionen genauso wirksam sein wie synthetische Antidepressiva, überzeugen gegenüber Placebo und zeigen bessere Verträglichkeit.