Unsichtbare Gefahr im Freien: UV-Belastung in 250 Berufen massiv unterschätzt
Jüngste dosimetrische Messungen der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) an 1.000 Beschäftigten aus über 250 Berufen legen nahe, dass viele alltägliche Außenberufe mit erheblichen UV-Risiken verbunden sind – von Briefträger:innen über Bademeister:innen bis hin zu Kindergärtner:innen. Die GENESIS-UV-Messkampagne hat unerwartet hohe Belastungen in 650 Teiltätigkeiten zwischen April und Oktober über bis zu drei Jahre hinweg dokumentiert.
GENESIS-UV: Präzise Dosimetrie deckt Risiken auf
Die DGUV-Untersuchung stattete Beschäftigte mit modernen UV-Dosimetern aus, die nicht nur die empfangene Dosis, sondern auch Einfallswinkel und weitere Parameter erfassen. Die Ergebnisse sind besorgniserregend: In Hoch- und Tiefbauberufen sowie bestimmten Landwirtschaftssparten erreichen Beschäftigte in Sommerperioden bis zu 650 Standard Erythemdosen (SED). Eine SED (100 Joule/m²) reicht für einen Sonnenbrand bei Hauttyp I (rothaarig, Sommersprossen, blauäugig). Dazu kommt die private Exposition, die das Gesamtrisiko massiv steigert.
Private UV-Belastung verdoppelt sich durch Lebensstilwandel
Frühere Schätzungen gingen von 130 SED jährlicher privater UV-Exposition für Personen ohne Außenberuf aus. Aktuell wird eine Verdopplung auf circa 260 SED angenommen – bedingt durch veränderte Freizeitgewohnheiten (mehr Outdoor-Aktivitäten) und gesteigerte terrestrische UV-Strahlung durch Klimawandel (mehr wolkenfreie Tage mit direkter Sonneneinstrahlung). Die Daten stammen aus der Koordination von Dr. Marc Wittlich und wurden im renommierten British Journal of Dermatology publiziert (https://doi.org/10.1093/bjd/ljac093).
Berufsinterne Unterschiede: Vom Postboten zum Bauleiter
Die detaillierte Auswertung zeigt starke Variationen innerhalb ein und desselben Berufs: Postzusteller:innen mit Fahrrad weisen eine doppelt so hohe jährliche Exposition auf (ca. 400 SED) wie zu Fuß gehende Kolleg:innen (ca. 200 SED). Grund: Häuserzeilen wirken als natürlicher „Sunblocker“ für Fußgänger:innen, während Radfahrer:innen offeneren Flächen ausgesetzt sind. Die vollständigen Messdaten liegen als umfangreiche DGUV-Schrift auf www.dguv.de vor und erlauben eine präzise Risikobewertung pro Teiltätigkeit.
Gewisse Zeitfenster meiden
85% der täglichen UV-Exposition entfallen auf 11:00 bis 16:00 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit – außerhalb dieses kritischen Zeitraums sinkt die Belastung deutlich. Bei senkrecht stehender Sonne durchdringt UV weniger Atmosphärenschichten und ist intensiver – ein physikalisches Prinzip, das für alle Außenbeschäftigten gilt.
Überraschend hohe Werte zeigten sich im April/Mai und – weniger stark – September/Oktober: Viele Beschäftigte sonnen sich mittags ungeschützt, wenn es wärmer wird, während im Hochsommer (Juli/August) Mittagspausen im Schatten verbracht werden. Ähnlich im Urlaub: Sylt-Urlauber:innen erhalten oft mehr UV als Sizilianer:innen, da sie mittags am Strand bleiben, während Südeuropäer:innen bei sengender Hitze („Sand verbrennt die Füße“) Schatten suchen. Dies unterstreicht die Rolle des menschlichen Verhaltens bei der Risikosteigerung.
Prävention
Schutzmaßnahmen umfassen technische Hilfen (Sonnensegel, Verschattungen), organisatorische Ansätze (Mittagspausen/Siesta im Schatten) und Verhaltensänderungen (Schutzkleidung, Sonnencreme). Die DGUV-Messungen erregten national und international Aufsehen; die WHO/ILO befasst sich mit der globalen Krankheitslast beruflichen Hautkrebses. National ermöglicht die geänderte ArbMedVV (arbeitsmedizinische Angebotsvorsorge) nun sieben Millionen Außenbeschäftigten eine Beratung zu UV-Risiken – Arbeitgeber:innen müssen geeigneten Personalschutz bereitstellen.
Fazit
Die GENESIS-UV-Erkenntnisse machen eines unmissverständlich klar: UV-Strahlung ist eine unterschätzte Gefahr für Millionen Außenbeschäftigte. Arbeitgeber:innen tragen Verantwortung – Sonnensegel, Siestas und Schutzkleidung müssen Standard werden. Ärzt:innen sollten UV-Exposition systematisch abfragen. Konsequenter Schutz bewahrt nicht nur Haut, sondern Leben vor beruflichem Hautkrebs.
Quellen:
- Springer Medizin: Sind Berufe im Freien wirklich mit höherer UV-Bestrahlung verbunden? 2024. https://www.springermedizin.de/sind-berufe-im-freien-mit-hoeherer-uv-bestrahlung-verbunden/27038344 ( abgerufen am 30.12.2025).
- Wittlich M. Criteria for Occupational Health Prevention for Solar UVR Exposed Outdoor Workers-Prevalence, Affected Parties, and Occupational Disease. Front Public Health 2022; 26(9):772290. doi: 10.3389/fpubh.2021.772290.
- Paulo MS et al. WHO/ILO work-related burden of disease and injury: Protocol for systematic reviews of occupational exposure to solar ultraviolet radiation and of the effect of occupational exposure to solar ultraviolet radiation on melanoma and non-melanoma skin cancer. Environ Int 2019; 126: 804-815
- Wittlich M et al. The GENESIS-UV study on ultraviolet radiation exposure levels in 250 occupations to foster epidemiological and legislative efforts to 3 combat non-melanoma skin cancer. British J Dermatol 2022; https://doi.org/10.1093/bjd/ljac093
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