Mikroplastik im Gehirn: Höhere Werte nahe Tumoren

Eine Hand mit einem Stift zeigt auf die Aufnahmen einer CTM.

Mikro- und Nanoplastik ist längst kein reines Umweltproblem mehr. Eine aktuelle Untersuchung (2026; DOI: 10.1038/s44360-026-00091-4) zeigt nun, dass die winzigen Partikel auch im menschlichen Gehirn vorkommen – sowohl bei gesunden Menschen als auch bei Patient:innen mit Hirntumoren. Besonders auffällig: Im direkten Umfeld von Tumoren wurden deutlich höhere Konzentrationen gemessen als im gesunden Gewebe. Die Ergebnisse liefern neue Hinweise, werfen aber zugleich grundlegende Fragen zur Bedeutung dieser Funde auf.

Wie häufig Mikroplastik im Gehirn ist

Insgesamt analysierte das Team um Runting Li vom Beijing Tiantan Hospital 191 Proben. Darunter befanden sich 156 Gewebeproben von 113 Patient:innen mit Meningeomen oder Gliomen sowie 35 Proben gesunder Verstorbener. Mikro- und Nanoplastik wurde in sämtlichen Proben nachgewiesen. Die höchsten Konzentrationen fanden sich im Gewebe rund um Gliome mit 129,4 µg/g. Im Tumorgewebe selbst lagen die Werte darunter, während sie im gesunden Gehirn etwa 50,3 µg/g betrugen. Damit fallen die gemessenen Mengen deutlich geringer aus als in früheren Studien (Nature Medicine 2025; DOI: 10.1038/s41591-024-03453-1), die im Frontalkortex Werte von bis zu 4.917 µg/g berichteten.

Warum die Messung schwierig ist

Der Nachweis von Mikroplastik im Gehirn ist methodisch anspruchsvoll und nicht frei von Kritik. Ein zentrales Problem stellt die mögliche Kontamination dar – etwa während der Probenentnahme, Verarbeitung oder Lagerung. Frühere Studien wurden teilweise wegen ungewöhnlich hoher Messwerte infrage gestellt. Um solche Störquellen zu minimieren, setzte das Forschungsteam auf weitgehend plastikfreie Verfahren, etwa Glasbehälter und Metallinstrumente, sowie umfassende Kontrollen möglicher Kontaminationsquellen im Operationsumfeld. Eine vollständige Vermeidung sei jedoch nicht möglich, räumen die Autor:innen ein.

Zwei Methoden für mehr Sicherheit

Zur Analyse kombinierten die Forschenden zwei unabhängige Verfahren: Laser Direct Infrared (LDIR) Spektroskopie und Pyrolyse-Gaschromatografie-Massenspektrometrie (Py-GC/MS). Martin Wagner, Leiter des Labors für Bioanalytische Toxikologie an der Norwegian University of Science and Technology (NTNU) in Trondheim, hebt hervor, dass dieser Ansatz die Aussagekraft erhöht. „Das macht die Ergebnisse robuster: Denn die Nachteile der Py-GC/MS – also eine potenzielle Überschätzung der Plastikmengen in menschlichen Proben – werden durch die Verwendung einer 2. Methode (LDIR) ausgeglichen, die diese Nachteile nicht aufweist“, erläutert er.

Was die erhöhten Werte bedeuten könnten

Warum sich Mikro- und Nanoplastik besonders im Tumorumfeld anreichert, ist bislang unklar. Die Forschenden vermuten, dass eine gestörte Blut-Hirn-Schranke eine Rolle spielen könnte. Gleichzeitig betonen sie ausdrücklich, dass aus den Daten kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Mikroplastik und Tumorentstehung abgeleitet werden kann.

„Unsere Studie liefert Hinweise auf das Vorkommen von Mikro- und Nanoplastik im lebenden menschlichen Gehirn und unterstreicht die Notwendigkeit weiterer Forschung, um kausale Zusammenhänge zwischen MNP und menschlichen Erkrankungen zu verstehen.“

Fortschritt mit offenen Fragen

Auch externe Expert:innen bewerten die Ergebnisse als wichtigen Schritt. Lukas Kenner, stellvertretender Direktor der Abteilung für Pathologie an der Medizinischen Universität Wien, betont: „Die Ergebnisse sprechen dafür, dass Kunststoffsignale in menschlichen Gehirnproben nachweisbar sind.“ Gleichzeitig verweist er auf bestehende Unsicherheiten, etwa durch mögliche Einflüsse der Probenaufbereitung, Nachweisgrenzen oder Matrixeffekte. Zudem erschwere der Altersunterschied zwischen gesunden Spender:innen und Patient:innen direkte Vergleiche.

Ausblick

Die Studie gilt als methodischer Fortschritt gegenüber früheren Arbeiten und liefert vergleichsweise verlässliche Daten zum Vorkommen von Mikroplastik im Gehirn. Dennoch bleibt die zentrale Frage unbeantwortet: Welche gesundheitliche Bedeutung haben diese Partikel?

„Auch wenn natürlich – wie bei jeder wissenschaftlichen Studie – Unsicherheiten bleiben, würde ich sagen, dass diese Arbeit derzeit am verlässlichsten Mikroplastik im Gehirn nachweist“, ordnet Wagner ein. Klar ist: Um mögliche Risiken zu verstehen, sind weitere Studien erforderlich – insbesondere solche, die Ursachen und Wirkungen klar voneinander trennen.

Quellen:

Deutsches Ärzteblatt (2026): Mikroplastik in Hirntumoren und gesundem Gewebe nachweisbar. https://www.aerzteblatt.de/news/rubriken/medizin/mikroplastik-in-hirntumoren-und-gesundem-gewebe-nachweisbar-3e4a95d7-fe82-4347-9778-36a711cd0c40 (abgerufen am 23.04.2026)

Li , R.et al. (2026): Microplastics and nanoplastics in brain tumours and the healthy human brain. Nature Health. DOI: 10.1038/s44360-026-00091-4

Nihart, A. J. et al. (2025): Bioaccumulation of microplastics in decedent human brains. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-024-03453-1

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