Cybermobbing: Gesundheitsbelastung wächst, Unterstützung fehlt
Cybermobbing geht bei Kindern und Jugendlichen mit erheblichen körperlichen und psychischen Belastungen einher. In der Studie „Cyberlife VI – Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern“ berichten 20,7 Prozent der befragten 7- bis 20-Jährigen, betroffen zu sein. Hochgerechnet entspricht das bundesweit mehr als 2,4 Millionen jungen Menschen.
Cybermobbing bezeichnet Mobbing über digitale Medien. Die Befragung zeigt eine enge Verbindung zum schulischen Umfeld: 90 Prozent der Betroffenen erleben die Angriffe durch bekannte Personen aus ihrem Umfeld. Die Vorstellung unbekannter Täter:innen im anonymen Netz bildet damit einen wesentlichen Teil der berichteten Erfahrungen nicht ab.
Cybermobbing belastet Körper und Psyche
Viele Betroffene berichten über gesundheitliche Beschwerden und schwere Verzweiflung. Zu den genannten Folgen gehören:
- Kopf- und Magenschmerzen;
- Angst- und Schlafstörungen;
- Niedergeschlagenheit und Depressionen.
17 Prozent der Betroffenen gaben an, aus Verzweiflung bereits zu Alkohol, Tabletten oder Drogen gegriffen zu haben; 2024 waren es 13 Prozent. Hochgerechnet sind das rund 400.000 junge Menschen. Jede vierte betroffene Person berichtete von Suizidgedanken, entsprechend nahezu 600.000 Kindern und Jugendlichen.
Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnisses gegen Cybermobbing, ordnete die Ergebnisse als Hilferuf ein.
„Sie benötigen Unterstützung“, unterstrich er.
„Werden sie mit ihren Problemen allein gelassen, entsteht nicht nur ein gesundheitliches Problem, sondern eine Situation, in der den Betroffenen aus ihrer Sicht zunehmend die Perspektive fehlt.“
Befragung zeigt einen weiteren Anstieg der Betroffenheit
Der Anteil der von Cybermobbing Betroffenen ist gegenüber der Vorgängerstudie von 2024 um 2,2 Prozentpunkte gestiegen. Vor knapp zehn Jahren lag er noch bei 12,7 Prozent. Die Ergebnisse der in Berlin vorgestellten Untersuchung weisen damit auf eine weiter zunehmende Belastung hin.
| Vergleichszeitpunkt | Anteil der Betroffenen |
|---|---|
| Vor knapp zehn Jahren | 12,7 Prozent |
| Aktuelle Befragung „Cyberlife VI“ | 20,7 Prozent |
| Veränderung gegenüber 2024 | Anstieg um 2,2 Prozentpunkte |
Für die Studie wurden von April bis Juli bundesweit 716 Lehrkräfte, 1.113 Eltern und 4.525 Schüler:innen online befragt. Verantwortlich ist das Bündnis gegen Cybermobbing.
Die Angaben zu Beschwerden, Substanzgebrauch und Suizidgedanken beschreiben berichtete Belastungen beziehungsweise Zusammenhänge. Sie sind nicht mit dem Nachweis gleichzusetzen, dass Cybermobbing jeweils die alleinige Ursache ist.
Prävention braucht frühe Angebote und geschulte Lehrkräfte
Schulische Prävention muss nach Einschätzung des Bündnisses früher beginnen und stärker ausgebaut werden. Schulen mit präventiven Angeboten verzeichneten weniger Cybermobbingfälle, erläuterte Leest. Einzelne Angebote hätten sich seit 2024 verbessert; insgesamt reichten sie jedoch nicht aus.
Leest erklärte: „Aber am besten ist es, Mobbing beziehungsweise Cybermobbing erst gar nicht entstehen zu lassen und da ist Prävention ein sehr wichtiger Baustein“. Kinder sollten bereits in der Grundschule einen „sozialen Umgang im Internet“ lernen. Dazu brauche es bessere Fortbildungen für Lehrkräfte und Unterstützung durch externe Expert:innen.
Auch Eltern benötigen mehr Informationen und Hilfe bei der digitalen Mediennutzung ihrer Kinder. „Sie fühlen sich überfordert und dürfen mit dieser Thematik nicht allein gelassen werden“, betonte Leest. Eltern nehmen die Anonymität im Internet als Faktor für sprachliche und körperliche Gewaltbereitschaft wahr – online wie offline, bei Jungen wie Mädchen.
Altersgrenzen und Verbote spiegeln auch Überforderung
Viele Eltern und Lehrkräfte befürworten Zugangsbeschränkungen für soziale Medien. Leest berichtete: „76 Prozent der befragten Eltern und 81 Prozent der Lehrenden befürworten eine solche Grenze“. Mehrheitlich wurde ein Mindestalter von 16 Jahren genannt; fast drei Viertel der Lehrkräfte sprachen sich außerdem für ein Smartphone-Verbot an ihrer Schule aus.
Das Bündnis versteht diese Antworten nicht allein als Forderung nach Restriktionen, sondern auch als Hilferuf. Ein Verbot sei der letzte Schritt, wenn man nicht mehr „der Sache Herr werde“.
Als weitere Schutzmaßnahme schlägt das Bündnis einen „verdeckten Klarnamens“ genannten Ansatz vor. Er soll ermöglichen, Täter:innen bei Cybermobbing oder anderen Straftaten schneller zu identifizieren und abschreckend wirken. Wie die technische und rechtliche Umsetzung aussehen soll, bleibt offen.
Ausblick: Schutz durch Prävention und erreichbare Hilfe
Ein besserer Schutz erfordert aus Sicht des Bündnisses sowohl vorbeugende Angebote als auch flächendeckende Unterstützung. Es fordert Mobbingberatungsstellen und anonyme Hotlines für Betroffene und Hilfesuchende. Hinzu kommt der Vorschlag eines eigenen Cyber-Mobbinggesetzes nach dem Vorbild Österreichs, wo ein entsprechendes Gesetz seit 2016 besteht.
Die gesellschaftliche Debatte müsse rasch Antworten finden, betonte Leest. Neben den bestehenden Problemen zeichne sich mit Künstlicher Intelligenz bereits die nächste Herausforderung ab.
Das im Juli 2011 gegründete Bündnis vereint Eltern, Pädagog:innen, Ärzt:innen, Jurist:innen und Forschende. Es klärt über Cybermobbing und Gewalt im Netz auf, fördert Medienkompetenz an Schulen und entwickelt Präventionskonzepte. Vereine und Unternehmen unterstützt es bei Prävention und Intervention.
FAQ: Häufige Fragen
Wie viele junge Menschen sind von Cybermobbing betroffen?
In „Cyberlife VI“ berichten 20,7 Prozent der befragten 7- bis 20-Jährigen von Cybermobbing. Hochgerechnet entspricht dies mehr als 2,4 Millionen Kindern und Jugendlichen bundesweit. Gegenüber 2024 ist der Anteil um 2,2 Prozentpunkte gestiegen.
Welche gesundheitlichen Belastungen werden berichtet?
Betroffene nennen unter anderem Kopf- und Magenschmerzen, Angst- und Schlafstörungen sowie depressive Beschwerden. Jede vierte betroffene Person berichtete von Suizidgedanken. Diese Befragungsangaben zeigen einen erheblichen Unterstützungsbedarf.
Welche Rolle spielt das persönliche Umfeld?
90 Prozent der Betroffenen erleben Mobbing durch bekannte Personen aus ihrem Umfeld. Cybermobbing ist damit eng mit dem schulischen und sozialen Alltag verbunden. Maßnahmen müssen deshalb über die digitale Plattform hinaus auch das Miteinander berücksichtigen.
Welche Unterstützung fordert das Bündnis?
Das Bündnis fordert mehr schulische Prävention, bessere Fortbildungen, Unterstützung für Eltern sowie flächendeckende Beratungsstellen und anonyme Hotlines. Externe Expert:innen sollen Schulen unterstützen. Altersgrenzen und Verbote betrachtet es nicht als alleinige Antwort auf die Problematik.
Quellen:
- Deutsches Ärzteblatt (2026): Cybermobbing: Jeder vierte betroffene junge Mensch berichtet von Suizidgedanken. https://www.aerzteblatt.de/search/result/24a03501-caf9-4c68-b002-6695d9054e7d?q=depression
- https://buendnis-gegen-cybermobbing.de/
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