Adipositas: WHO setzt bei jungen Menschen auf umfassende Hilfe

Ein übergewichtiger Junge steht auf einer Körperwaage.

Kinder und Jugendliche mit Adipositas sollen vor allem langfristige, strukturierte Unterstützung erhalten. Die ersten globalen WHO-Leitlinien zur Versorgung dieser Altersgruppe stellen Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung in den Mittelpunkt. Eltern und andere Betreuungspersonen sollen einbezogen werden; Medikamente und Operationen ersetzt dieses umfassende Angebot nicht.

Adipositas ist nach WHO-Verständnis eine chronische, rezidivierende Erkrankung: Sie besteht langfristig und kann wiederkehren. Gesundheitliche Folgen können bereits früh auftreten und reichen von Typ-2-Diabetes bis zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Zur Versorgung gehört deshalb auch der Blick auf körperliche und psychische Begleitprobleme.

Multimodale Programme bilden die Grundlage der Versorgung

Multimodale Programme verbinden Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltensinterventionen zu einem strukturierten Unterstützungsangebot. Sie sollen gesunde Gewohnheiten langfristig ermöglichen und je nach Bedarf weitere Lebensbereiche berücksichtigen.

Luz María De Regil, Direktorin der WHO-Abteilung für Ernährung und Lebensmittelsicherheit, betonte bei der Vorstellung, „Die Grundlage der Versorgung“ seien „nicht Medikamente oder Operationen, sondern ein umfassendes Unterstützungsangebot, das gesunde Ernährung, körperliche Aktivität und nachhaltige Verhaltensänderungen ermögliche“.

Zum individuell abgestimmten Programm gehören:

  • Ernährungsinterventionen zur Unterstützung gesunder Ernährung;
  • Bewegungsinterventionen zur Förderung körperlicher Aktivität;
  • Verhaltensinterventionen für nachhaltige Veränderungen;
  • bei Bedarf die Berücksichtigung von Schlaf, sitzendem Verhalten und digitalen Angeboten.

Alter und Behandlungserfolg bestimmen weitere Optionen

Die WHO zieht für Medikamente und operative Verfahren enge Grenzen. Für Kinder unter 10 Jahren rät sie von Pharmakotherapie, bariatrischer Chirurgie und Medizinprodukten zur Gewichtsreduktion ab. Bei 10- bis 19-Jährigen bleibt ein beaufsichtigtes multimodales Lebensstilprogramm der Ausgangspunkt.

Altersgruppe Einordnung durch die WHO
Unter 10 Jahren Keine Medikamente, bariatrischen Eingriffe oder Medizinprodukte zur Gewichtsreduktion.
10 bis 19 Jahre Medikamente erst nach unzureichendem Erfolg des Lebensstilprogramms erwägen; Operationen bei schwerer Adipositas nur unter strengen Voraussetzungen.

Ein Vorgehen bei Jugendlichen umfasst damit:

  1. Ein beaufsichtigtes multimodales Lebensstilprogramm durchführen.
  2. Nach 6 Monaten beurteilen, ob es ausreichend wirksam war.
  3. Bei unzureichender Wirkung zugelassene Medikamente allenfalls in spezialisierten multidisziplinären Settings erwägen.

Fehlende Langzeitdaten begrenzen den Medikamenteneinsatz

Die Zurückhaltung bei Medikamenten beruht vor allem auf fehlenden Langzeitdaten. WHO-Epidemiologe Laurence Grummer-Strawn verwies darauf, dass noch unklar sei, wie und ob die Mittel wieder abgesetzt werden könnten. Ein früher Behandlungsbeginn verursache zudem höhere Kosten; wie diese im Vergleich zu den durch Adipositas entstehenden Kosten ausfallen, lasse sich noch nicht sagen.

De Regil bezeichnete die medikamentöse Adipositastherapie als „sich entwickelndes Feld“.

Zusätzliche Daten könnten künftig eine Aktualisierung der Empfehlungen ermöglichen.

Psychische Belastungen gehören früh in die Behandlung

Psychische Probleme sollen bei jungen Menschen mit Adipositas früh mitbehandelt werden. Viele Betroffene erleben Stigmatisierung, Diskriminierung oder Mobbing. Die Leitlinien lenken den Blick deshalb über Gewicht und körperliche Folgeerkrankungen hinaus.

Zu den ausdrücklich genannten psychischen Problemen zählen:

  • Angst;
  • Depressionen;
  • geringes Selbstwertgefühl;
  • emotionale Dysregulation, also Schwierigkeiten bei der Regulation von Gefühlen.

Der Versorgungsbedarf betrifft weltweit eine große Zahl junger Menschen. 2024 lebten nach WHO-Angaben rund 170 Millionen 5- bis 19-Jährige mit Adipositas. Seit 1990 vervierfachte sich die Prävalenz, also der Anteil der Betroffenen, in dieser Altersgruppe von 2 % auf 8 %.

In Deutschland gelten etwa 6 % der 3- bis 17-Jährigen als adipös. Die letzten dazu genannten Zahlen wurden 2018 veröffentlicht.

Ausblick: Behandlung und Prävention gemeinsam voranbringen

Eine Trendwende erfordert neben der individuellen Behandlung auch bessere gesellschaftliche Bedingungen.

WHO-Wissenschaftlerin Maria Nieves Garcia Casal unterstrich: „Prävention und Behandlung müssen Hand in Hand gehen“.

Politische Maßnahmen sollen gesunde Ernährung und körperliche Aktivität leichter zugänglich und bezahlbar machen.

Für die weitere Versorgung ergeben sich damit zwei miteinander verbundene Aufgaben: junge Menschen umfassend unterstützen und gesundheitsförderliche Lebensbedingungen verbessern. Gleichzeitig könnten neue Erkenntnisse zur langfristigen Sicherheit und Anwendung von Medikamenten die Leitlinien verändern. Bis dahin bleibt die strukturierte, familienbezogene Unterstützung die Grundlage.

FAQ: Häufige Fragen

Was bedeutet eine multimodale Adipositasbehandlung?

Eine multimodale Behandlung kombiniert Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderung. Eltern und andere Betreuungspersonen sollen beteiligt werden. Je nach Bedarf kommen Schlaf, sitzendes Verhalten und digitale Angebote hinzu.

Wann können Medikamente bei Jugendlichen erwogen werden?

Bei 10- bis 19-Jährigen kommen zugelassene Medikamente laut WHO allenfalls infrage, wenn ein beaufsichtigtes multimodales Lebensstilprogramm nach 6 Monaten nicht ausreichend wirksam war. Der Einsatz soll dann ausschließlich in spezialisierten multidisziplinären Settings erfolgen. Für Kinder unter 10 Jahren rät die WHO davon ab.

Welche Rolle spielen Operationen?

Bariatrische Eingriffe zur Behandlung von Adipositas kommen bei Jugendlichen mit schwerer Adipositas nur unter strengen Voraussetzungen infrage. Für Kinder unter 10 Jahren rät die WHO davon ab. Einzelheiten zu den Voraussetzungen sind in den vorliegenden Angaben nicht ausgeführt.

Warum sollen psychische Probleme mitbehandelt werden?

Angst, Depressionen, geringes Selbstwertgefühl und emotionale Dysregulation können die Situation Betroffener zusätzlich belasten. Viele junge Menschen mit Adipositas sind außerdem Stigmatisierung, Diskriminierung und Mobbing ausgesetzt. Die WHO empfiehlt deshalb, psychische Probleme früh in die Versorgung einzubeziehen.

Quellen:
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