Warum der Antibiotikaeinsatz weltweit aus dem Gleichgewicht ist
Der globale Antibiotikaeinsatz entspricht in etwa dem geschätzten Bedarf, ist jedoch hinsichtlich der Wirkstoffklassen unausgewogen verteilt. Eine Modellierungsstudie im Fachjournal The Lancet Public Health (DOI: 10.1016/S2468-2667(26)00103-9) zeigt, dass insbesondere Watch-Antibiotika häufiger eingesetzt werden als medizinisch erforderlich. Gleichzeitig bleiben Access-Antibiotika, die als Standardtherapie gelten, vielerorts unverbraucht. Diese Fehlverteilung hat direkte Bedeutung für die Entwicklung von Antibiotikaresistenz und die globale Gesundheit.
Einteilung nach Resistenzrisiko
Die AWaRe-Klassifikation ist ein von der WHO entwickeltes System zur Einteilung von Antibiotika nach ihrem Einsatz und Resistenzrisiko. Sie unterscheidet drei Gruppen, die unterschiedliche Rollen in der Therapie spielen.
Sie teilt Antibiotika in Access, Watch und Reserve ein und dient der Steuerung eines rationalen Antibiotikaeinsatzes. Ziel ist es, wirksame Therapien zu sichern und Resistenzentwicklung zu begrenzen.
- Access-Antibiotika: Erstlinientherapie bei häufigen Infektionen, z. B. Amoxicillin
- Watch-Antibiotika: Höheres Resistenzpotenzial, Einsatz nur bei spezifischen Indikationen
- Reserveantibiotika: Letzte Option bei schweren Infektionen mit multiresistenten Erregern
Wie wurde der optimale Antibiotikaeinsatz berechnet?
Der optimale Antibiotikaeinsatz wurde durch eine Modellierung auf Basis von Ländergruppen mit ähnlichen Gesundheitsmerkmalen geschätzt. Forschende teilten 186 Länder in vier Cluster ein, die Krankheitslast, Resistenzsituation und sozioökonomische Faktoren berücksichtigen.
Schritt-für-Schritt-Modellansatz:
- Einteilung von 186 Ländern in vier vergleichbare Gruppen
- Auswahl eines Referenzlandes mit niedrigem Verbrauch und geringer Sterblichkeit
- Übertragung des Verbrauchsmusters auf andere Länder im Cluster.
- Berechnung des optimalen Antibiotikabedarfs pro Land
Für Deutschland diente die Schweiz als Referenz.
„Mit der Studie liegen erstmals berechnete Daten vor, wie der optimale Gebrauch der Gesamtmenge der Antibiotika und die Verteilung auf die AWaRe-Klassifikation für 186 Länder sein sollte“, erklärte Tim Eckmanns vom Robert-Koch-Institut.
Bedarf und tatsächlicher Einsatz
2019 wären rund 43 Milliarden definierte Tagesdosen erforderlich gewesen, etwa eine Antibiotikatherapie pro Mensch und Jahr, während 2018 tatsächlich 40,2 Milliarden verbraucht wurden.
Laut dem Modell hätten rund 77% dieser Antibiotikatherapien mit Access-Antibiotika behandelt werden sollen. Damit liegt der modellierte Anteil im Bereich des UN-Ziels, wonach bis 2030 mindestens 70% des Antibiotikaverbrauchs auf die Access-Gruppe entfallen sollen. Der tatsächliche Anteil von Access-Antibiotika liegt nach WHO-Schätzungen jedoch derzeit nur bei etwa 52%.
Vergleich: Modell vs. Realität
| Kriterium | Modellierter Bedarf | Tatsächlicher Einsatz |
|---|---|---|
| Gesamtmenge | ca. 43 Milliarden Tagesdosen | 40,2 Milliarden Tagesdosen (2018) |
| Access-Anteil | ca. 77% | ca. 52% |
| Watch-Antibiotika | geringer Anteil vorgesehen | in fast allen Ländern zu hoch |
| Reserveantibiotika | gezielter Einsatz | teils unterversorgt |
Ungleiche Verteilung von Antibiotikaeinsatz
Der Antibiotikaeinsatz ist zwischen Ländern mit unterschiedlichem Einkommensniveau ungleich verteilt. Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen hätten aufgrund höherer Krankheitslast einen größeren Bedarf an Watch- und Reserveantibiotika.
Tatsächlich werden diese Wirkstoffe überwiegend in wohlhabenderen Ländern eingesetzt. Das Modell deutet darauf hin, dass Reserveantibiotika in ressourcenarmen Ländern nicht ausreichend verfügbar sind. Gleichzeitig wird in Ländern mit hohem Einkommen häufiger mehr verschrieben als notwendig.
Zur Situation in Deutschland stellte Eckmanns fest: „Deutschland verbraucht etwas zu viel Antibiotika insgesamt und deutlich zu viele Watch-Antibiotika.“ Als Ursache nannte er Leitlinien, die häufiger Watch- statt Access-Antibiotika empfehlen.
Ausblick:
Die Studie zeigt eine politisch relevante Fehlverteilung im Antibiotikaeinsatz, deren Korrektur entscheidend für die Eindämmung von Antibiotikaresistenz ist. Fachleute weisen jedoch auf methodische Grenzen hin, etwa die Vereinfachung durch Ländercluster und fehlende Berücksichtigung regionaler Unterschiede.
Mathias W. Pletz, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene, Universitätsklinikum Jena, kritisierte, dass die Heterogenität innerhalb von Ländern verloren gehe, während Winfried Kern, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, ehemaliger leitender Arzt der Abteilung Infektiologie und emeritierter Professor für Innere Medizin, Universitätsklinikum Freiburg, die Clusterbildung als „kühn“ bezeichnete. Dennoch betonten beide die Relevanz der Ergebnisse für globale Gesundheitsstrategien. Für Deutschland wird trotz Verbesserungen in den letzten zehn Jahren weiterhin Optimierungspotenzial gesehen.
Häufige Fragen: FAQ
Was bedeutet AWaRe-Klassifikation bei Antibiotika?
Die AWaRe-Klassifikation ist ein WHO-System zur Einteilung von Antibiotika nach Einsatz und Resistenzrisiko. Sie unterscheidet Access-, Watch- und Reserveantibiotika. Ziel ist eine sichere und nachhaltige Nutzung.
Wie hoch ist der globale Antibiotikabedarf?
Der globale Bedarf liegt laut Modell bei etwa 43 Milliarden definierten Tagesdosen pro Jahr. Das entspricht ungefähr einer Behandlung pro Person jährlich. Der tatsächliche Verbrauch liegt in einer ähnlichen Größenordnung. Die Verteilung der Wirkstoffe weicht jedoch deutlich ab.
Welche Probleme gibt es bei der Studie?
Die Studie basiert auf Modellannahmen, die nicht alle realen Unterschiede abbilden. Kritisiert werden insbesondere die Zusammenfassung heterogener Länder und fehlende regionale Differenzierung. Auch kulturelle und regulatorische Faktoren wurden nicht vollständig berücksichtigt. Diese Einschränkungen können die Aussagekraft beeinflussen.
Quellen:
- Deutsches Ärzteblatt (2026): Die meisten Länder verbrauchen zu viel Antibiotika mit erhöhtem Resistenzpotenzial. https://www.aerzteblatt.de/news/rubriken/medizin/die-meisten-lander-verbrauchen-zu-viel-antibiotika-mit-erhohtem-resistenzpotenzial-300a9f59-b2fa-48fa-854e-9926e531ce1a. (abgerufen am 23.07.2026)
- Cook, et al. (2026): Estimating optimal levels of WHO Access, Watch, Reserve (AWaRe) antibiotic use in 186 countries, territories, and areas on the basis of clinical infection and resistance burden. The Lancet Public Health. DOI: 10.1016/S2468-2667(26)00103-9.
- World Health Organisation (WHO): AWaRe classification of antibiotics for evaluation and monitoring of use, 2023. https://www.who.int/publications/i/item/WHO-MHP-HPS-EML-2023.04 (abgerufen am 23.07.2026)
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