Esketamin-Nasenspray: Hoffnung für therapieresistente Depressionen

Eine weibliche Person verwendet Nasenspray.

Auf dem 34. Europäischen Kongress für Psychiatrie (EPA 2026) in Prag sorgte eine polnische Arbeitsgruppe für Aufsehen: Ihre Real-World-Daten belegen, dass Esketamin-Nasenspray auch außerhalb klinischer Studien schnelle Linderung bei schwersten Depressionen bringt – mit hoher Ansprechrate und guter Verträglichkeit.

Erste Erfolge in der Praxis:

Bereits nach vier Wochen zeigten 73,9 Prozent der Teilnehmenden (n = 17) ein klinisch relevantes Ansprechen, definiert als mindestens 50-prozentige Reduktion im Montgomery-Asberg Depression Rating Scale (MADRS). Dabei erreichten 17,6 Prozent (n = 3) eine Remission. Die retrospektive Registeranalyse umfasste 23 Erwachsene (14 Frauen, 9 Männer; Durchschnittsalter 42 Jahre) mit Ausgangswerten von 38 MADRS-Punkten – klar im Bereich schwerer Symptomatik (29–60 Punkte). Nach acht Wochen kletterte die Remissionsrate auf 47 Prozent (n = 8), bei den acht Personen mit vollständigem Behandlungszyklus hielten 50 Prozent (n = 4) die Remission dauerhaft.

Symptome im Fokus der Bewertung:

Der MADRS-Fragebogen, ein Standardinstrument zur Einschätzung depressiver Schweregrade, bewertet zehn Kernsymptome wie sichtbare und mitgeteilte Traurigkeit, innere Anspannung, Schlaf- und Appetitstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten sowie Antriebsmangel – jeweils auf einer siebenstufigen Skala von 0 bis 6. Scores zwischen 13–21 gelten als leicht, 22–28 als mäßig und 29–60 als schwer. Die Studie aus dem Zeitraum Juli 2023 bis August 2025 schloss gezielt Erwachsene mit behandlungsresistenter Depression ein, die bereits SSRI oder SNRI einnahmen, keine Abhängigkeitserkrankungen aufwiesen und keine Elektrokrampftherapie erhalten konnten.

Häufige Nebenwirkungen – vorübergehend und mild:

Die am häufigsten berichteten unerwünschten Ereignisse umfassten Schwindel bei 91,3 Prozent (n = 21), Übelkeit bei 78,2 Prozent (n = 18) und Dissoziation bei 56,5 Prozent (n = 13). Diese Reaktionen blieben durchweg leicht bis mittelschwer, vorübergehend und nahmen in Häufigkeit sowie Intensität mit der Behandlungsdauer ab. Entscheidend: Bei keiner der 23 Teilnehmenden traten schwere unerwünschte Ereignisse auf, was die Option für den Praxisalltag unterstreicht.

Wirkprinzip und Zulassungsgrundlage:

Ketamin, ursprünglich ein Narkosemittel, wird heute in niedriger Dosierung als neue Behandlungsoption für schwere, therapieresistente Depression eingesetzt. Esketamin, das S-Enantiomer des Narkosemittels Ketamin, wirkt als nichtselektiver, nichtkompetitiver Antagonist des NMDA-Rezeptors und löst eine vorübergehende Erhöhung der Glutamatfreisetzung aus. Seit 2019 ist Esketamin für Erwachsene mit mittelgradig bis schwerer Episode einer Major Depression zugelassen, die auf mindestens zwei unterschiedliche Antidepressiva versagt haben – stets kombiniert mit SSRI oder SNRI. Ergänzend erlaubt die Zulassung akute Kurzzeitbehandlungen bei psychiatrischen Notfällen unter oraler antidepressiver Therapie.

Expertenmeinungen

Laut Andreas Reif, Leiter der Psychiatrie am Universitätsklinikum Frankfurt, wirkt das Medikament deutlich schneller als klassische Antidepressiva, da es das Glutamat-System beeinflusst statt Serotonin oder Noradrenalin. Das als Nasenspray verabreichte Esketamin (Spravato®) kann oft schon nach einer Anwendung eine kurzfristige Stimmungsaufhellung bewirken. Die Behandlung erfolgt jedoch ausschließlich unter medizinischer Aufsicht und wird mit anderen Therapien kombiniert, auch wegen möglicher Nebenwirkungen wie erhöhtem Blutdruck oder dissoziativen Zuständen.

Eingesetzt wird die Therapie vor allem bei Patientinnen und Patienten, bei denen herkömmliche Behandlungen nicht anschlagen. Sowohl Andreas Reif als auch Matthias Knop, Oberarzt am Max-Planck-Institut für Psychiatrie, betonen, dass Esketamin kein Wundermittel ist: Die Wirkung hält meist nicht dauerhaft an und erfordert wiederholte Anwendungen im Rahmen eines Gesamtbehandlungsplans. Gleichzeitig weisen sie auf Risiken wie Gewöhnung und Missbrauchspotenzial hin, weshalb eine sorgfältige ärztliche Begleitung entscheidend ist.

Matthias Knop beschreibt es so: „Ich kann damit jemanden innerhalb von Minuten bis Stunden aus der Depression holen, aber die Wirkung lässt sich nicht dauerhaft aufrechterhalten.“

Ausblick:

„Esketamin-Nasenspray zeigte unter realen Bedingungen bei polnischen PatientInnen und Patienten mit behandlungsresistenter Depression eine klinisch bedeutsame Wirksamkeit“, fasst die Arbeitsgruppe im Abstract EPP208 zusammen.

Diese Ergebnisse aus Prag unterstreichen das Potenzial für breitere Anwendungen in der europäischen Psychiatrie und regen weitere multizentrische Studien an, um die Therapie langfristig zu etablieren.

Früherkennung und Frühintervention bei Depression: Chancen erkennen, Chronifizierung vermeiden

Quellen:

Deutsches Ärzteblatt: Therapieresistente Depression: Esketamin-Nasenspray zeigt Wirksamkeit unter Real-World-Bedingungen. https://www.aerzteblatt.de/search/result/ffa79145-d84b-4928-b6f9-d3df22b0b1bb?q=depression

EPA Kongress 2026: https://mwm.ai/de/apps/epa-congress-2026/6759446240

Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft 2023: Esketamin Neubewertung nach Fristablauf: Depression, therapieresistent, in Kombination mit SSRI oder SNRI). https://www.akdae.de/fileadmin/user_upload/akdae/Stellungnahmen/AMNOG/A-Z/Esketamin/Esketamin-230706.pdf

Pharmazeutische Zeitung: Esketamin bei therapieresistenten Depressionen. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/esketamin-bei-therapieresistenten-depressionen-162533/seite/alle/?cHash=709d3cc2808e18e957368f69327e6e0b

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