Vom Radhelden in die Dunkelheit: Kampf zwischen Erfolg und Depression

Ein Rennradsportler fährt auf einer Straße, im Hintergrund geht die Sonne unter.
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Depression kann selbst dort zuschlagen, wo aus Sicht vieler alles „perfekt“ erscheint: sportlicher Erfolg, finanzielle Unabhängigkeit, Anerkennung und eine funktionierende Familie. Das Fallbeispiel von Jan Ullrich zeigt eindrücklich, wie brüchig dieses Bild sein kann und wie wichtig professionelle Hilfe ist, um aus einer schweren depressiven Episode wieder herauszufinden.

Der Trugschluss vom perfekten Leben

Auf den ersten Blick schien vieles ideal: sportlicher Ruhm, große Emotionen rund um den Tour-de-France-Sieg im Sommer 1997, der sein Leben „komplett verändert“ hat, und das Bild eines jungen Helden, der „aus dem Nichts“ an die Spitze des Radsports aufgestiegen war. Doch hinter dieser Fassade entwickelte sich eine zweite Ebene: eine innere Welt, die Ullrich später als „dunklen, leeren Raum“ beschreibt, in dem er nicht wusste, was als Nächstes kommt.

Gerade im Hochleistungssport wird Erfolg oft mit psychischer Stärke gleichgesetzt. Wer körperlich an Grenzen gehen kann, glaubt nicht selten, seelische Krisen ebenfalls alleine „wegtrainieren“ oder „wegkämpfen“ zu können. Ullrich erlebte genau diesen Fehlschluss: Seine Erfahrung als Kämpfer auf dem Rad führte dazu, dass er meinte, sich auch therapeutisch selbst helfen zu können – ein Ansatz, der seine Depression letztlich verschärfte statt löste.

Der Bruch: Vom Helden zum Ausgeschlossenen

Den Wendepunkt in Ullrichs Leben markierte nicht der Triumph von 1997, sondern ein anderes Ereignis: seine plötzliche Suspendierung unmittelbar vor dem Start der Tour de France 2006. Einen Tag vor Beginn wurde er aus dem Rennen genommen. Der Hintergrund war seine damals vermutete und später bestätigte Verstrickung in den Fuentes-Dopingskandal. Für ihn war das ein „Riesenproblem“, das er – wie er rückblickend sagt – nicht verarbeitet hat.

Dieses nicht verarbeitete Trauma war der Nährboden für seine spätere Depression. Der jähe Absturz vom gefeierten Profi zum Ausgeschlossenen, verbunden mit öffentlicher Ablehnung und Vertrauensverlust, hinterließ tiefe Spuren. Der Radsport, der sein Leben bestimmt hatte, wurde plötzlich mit Scham und Schmerz verknüpft. Allein der Gedanke ans Radfahren rief die dunkle Phase der Zurückweisung wieder wach, sodass Ullrich „viele Jahre gar nichts gemacht“ hat.

Langsames Abrutschen in die Depression

Ullrich beschreibt, dass er „über Jahre in so eine Depression hineingeschlittert“ ist. Es gab keinen einzigen Moment des Zusammenbruchs, sondern eher ein allmähliches Abrutschen. Aus dem hochleistungsfähigen Athleten wurde ein Mensch, der sich zunehmend zurückzog, seine frühere Struktur verlor und Aktivitäten, die sein Leben einst geprägt hatten, nicht mehr ausüben konnte.

Dieses unbemerkte Hineingleiten in die Erkrankung ist typisch für viele Betroffene: Der Alltag bricht nicht von einem Tag auf den anderen zusammen, sondern verliert schrittweise an Farbe und Halt. In Ullrichs Fall führte das dazu, dass er Radsport komplett mied, weil alte Verletzungen und die Erfahrung der Ausgrenzung sofort wieder präsent waren.

Alkohol und Drogen als scheinbarer Ausweg

Statt früh professionelle Hilfe zu suchen, versuchte Ullrich zunächst, den inneren Schmerz mit Alkohol und Drogen zu betäuben. Die Substanzen sollten helfen, das „Dunkle“ und „Schwarze“, die quälenden Gedanken, zu verdrängen. Was kurzfristig wie Erleichterung wirkte, verschlimmerte auf Dauer jedoch die Situation. Der Konsum wurde Teil eines Teufelskreises: Die Depression blieb unbehandelt, gleichzeitig nahmen Selbstzweifel, Kontrollverlust und soziale Probleme zu.

Dieses Muster – der Griff zu Alkohol oder Drogen als vermeintliche Bewältigungsstrategie – ist bei depressiven Episoden nicht selten. Aus medizinischer Sicht erhöht es das Risiko für Verschlechterungen, zusätzliche Abhängigkeitserkrankungen und Suizidgedanken. Im Fall von Ullrich war es ein weiterer Schritt weg von einer konstruktiven Auseinandersetzung mit seiner Erkrankung.

Der Wendepunkt: Hilfe annehmen statt weiterkämpfen

Eine entscheidende Wende trat erst ein, als Ullrich selbst erkannte, dass er ohne Unterstützung nicht mehr weiterkam. Der frühere Glaube, sich „selbst therapieren“ zu können, wich der Einsicht, dass professionelle Hilfe notwendig und legitim ist. Wichtig ist dabei, dass er diesen Schritt aus freien Stücken gegangen ist: Er entschied sich bewusst, eine Therapie zu beginnen und sich stationär in einer Klinik behandeln zu lassen.

In dieser Phase begann die eigentliche Bearbeitung seiner Depression. Aus medizinischer Perspektive ist das ein typischer und zentraler Wendepunkt: Erst wenn Betroffene akzeptieren, dass es sich um eine behandlungsbedürftige Erkrankung handelt – und nicht um persönliches Versagen –, kann ein strukturierter Behandlungsplan greifen. Ullrich beschreibt rückblickend, dass er erst durch diese Kombination aus Einsicht und professioneller Unterstützung langsam aus dem Teufelskreis der Depression herausfand.

Evidenzbasierte Behandlung: Verhaltenstherapie und Antidepressiva

Der Psychiater und Psychotherapeut Prof. Ulrich Hegerl, Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention betont, dass zu den wirksamsten Behandlungsverfahren bei Depression insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie und die Einnahme von Antidepressiva gehören. Beide Ansätze, so hebt er hervor, helfen sehr effektiv, auch wenn sie in der Öffentlichkeit teilweise zu Unrecht einen negativen Ruf haben.

Die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) zielt darauf ab, typische Denkmuster der Depression – etwa Hoffnungslosigkeit, Selbstabwertung und Katastrophisieren – zu erkennen und gezielt zu verändern. Antidepressiva wiederum können biologische Veränderungen im Gehirn, die mit der Erkrankung verbunden sind, positiv beeinflussen. Im Zusammenspiel ermöglichen sie vielen Patient:innen, aus der „schwarzen Phase“ herauszufinden oder zumindest die Symptomlast deutlich zu senken.

Innere Erlebniswelt: „Die Gardine zuziehen“

Viele Betroffene schildern ihre Depression mit eindrücklichen Bildern. Auch Jan Ullrich beschreibt, dass er „einfach nur die Gardine zuziehen“ wollte – ein Bild für das Bedürfnis, sich von der Außenwelt abzuschotten, Reize zu minimieren und im Dunkeln zu verschwinden. Mit der Zeit treten dann „diese dunklen Gedanken“ hinzu, die das Erleben weiter einengen und im Extremfall in Richtung Suizidgedanken gehen können.

Solche Metaphern sind nicht nur persönlich, sondern helfen auch Außenstehenden, die innere Realität von Patient:innen besser zu verstehen. Sie zeigen, dass Depression weit mehr ist als „schlechte Stimmung“: Es handelt sich um einen Zustand, in dem Zukunftsperspektiven, Selbstwertgefühl und Lebensfreude massiv beeinträchtigt sind.

Zurück ins Leben: Hoffnung als Therapie-Ziel

Nach der Klinikbehandlung, intensiver Therapie und einer bewussten Phase der Genesung beschreibt Ullrich, dass ihm das Leben heute wieder „einfach Spaß“ macht. Er betont, dass es „einen Weg raus“ gibt – eine zentrale Botschaft für andere Betroffene. Entscheidend sei, Hilfe möglichst früh zuzulassen, statt jahrelang zu versuchen, allein zurechtzukommen oder Symptome wegzudrücken.

Diese Aussage ist aus suizidpräventiver Sicht besonders relevant: Je früher eine Depression erkannt und behandelt wird, desto besser sind in der Regel Prognose und Rückfallprophylaxe. Der Weg heraus besteht nicht in einem einmaligen Schritt, sondern in einem Prozess aus professioneller Unterstützung, Zeit, Geduld und dem bewussten Aufbau neuer, stabiler Lebensstrukturen.

Quellen:
  • ZDF: Psychisch stark – Wege aus der Depression. 2025. https://presseportal.zdf.de/pressemappe/psychisch-stark-wege-aus-der-depression#text (abgerufen am 18.12.2025).
  • ZDFheute: Jan Ullrich über Depressionen: "Hilfe zulassen, möglichst früh". 2025. https://www.zdfheute.de/sport/radsport-jan-ullrich-doku-depressionen-drogen-100.html (abgerufen am 18.12.2025).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. Registernummer: nvl-005. Version 3.2. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 16.12.2025).
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