Unsichtbare Lasten: Depressionen und Suizidgefahr im Familienalltag

Im Vordergrund sitzt eine Frau auf einem Sofa und stützt die Ellbogen auf die Oberschenkel ab. Im Hintergrund sitzt ein Mann mit verschränkten Armen.
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Depressionen und suizidale Krisen fordern Millionen Menschen heraus, oft unsichtbar und mit weitreichenden Folgen für Familie und Beruf. Zwei Fallbeispiele illustrieren die Komplexität und den unermüdlichen Widerstand Betroffener.

Depressionen bei Erwachsenen: Berufsabbruch und familiäre Belastung

Eine 54-jährige Ergotherapeutin aus Hochheim lebt mit ihrer 10-jährigen Tochter und kämpft seit einem Jahrzehnt gegen Depressionen. Vor fünf Jahren erfolgte die Krankmeldung, vor drei Jahren der Eintritt in die Frührente aufgrund mangelnder Arbeitsfähigkeit. Finanziell balanciert sie knapp mit Rente, Kindergeld, Unterhaltsleistungen des Kindsvaters und Wohngeld – „wir sind nicht arm, aber wir haben auch nicht wirklich Geld“, beschreibt sie ihre Situation. Die Depressionen dominieren jedoch ihr Leben; kürzlich verbrachte sie sechs Wochen in einer Klinik und setzt Hoffnungen auf neue Medikamente.

Sie sehnt sich nach beruflicher Rückkehr, nicht nur wegen Geldmangels, sondern um ihre Tochter zu entlasten. Das Kind ist mit der mütterlichen Erkrankung aufgewachsen, besuchte lange Selbsthilfegruppen für Kinder psychisch kranker Eltern und spricht offen über die damit verbundenen Herausforderungen. Äußerlich wirkt sie unauffällig – strahlend auf der Bühne beim Singen mit Freunden oder bei Karaoke-Veranstaltungen. Musik dient als Rettungsanker, der sie aus tiefen Phasen holt und Resilienz offenbart.

Kinder im Schatten der Depression

Depressionen bei Erwachsenen äußern sich häufig in anhaltender Erschöpfung, die die berufliche Teilhabe massiv einschränkt und oft zu vorzeitiger Rente führt – epidemiologische Studien belegen, dass 20–30% der Betroffenen dauerhaft arbeitsunfähig werden, was Sozialsysteme jährlich Milliarden kostet.

Kinder in solchen Familien tragen eine besonders schwere Last, da die elterliche Erkrankung Unsicherheit, emotionale Vernachlässigung und Rollentausch (Parentifizierung) erzeugen kann, was zu sekundären Störungen wie Angststörungen, Bindungsproblemen, Schlafstörungen, Schulproblemen, Sozialphobien oder späteren eigenen Depressionen führt – ein Drittel erkrankt selbst, besonders bei elterlichen Depressionen oder Schizophrenie. Schützende Faktoren wie Wissen um die Krankheit („nicht meine Schuld“), stabile Beziehungen zu gesunden Erwachsenen, Hobbys außerhalb der Familie und verlässliche Unterstützung mindern dieses Risiko erheblich.

Selbsthilfegruppen sowie Angebote über Jugendämter oder sozialpsychiatrische Dienste stärken die Resilienz nachhaltig: Durch altersgerechte Austauschkreise, Erklärungen zu Krankheitsbildern, Peer-Kontakte und Strategien gegen Überforderung lernen Kinder, sich sicherer zu fühlen und präventiv gestärkt voranzukommen. Therapeutisch erweist sich eine Kombination aus Antidepressiva und Psychotherapie als hoch effektiv, insbesondere die kognitive Verhaltenstherapie (KVT), die Rückfallraten um bis zu 50% senken kann.

Suizidgefährdete Jugendliche: Zwischen lebensmüde und hoffnungsvoll

Immer mehr junge Menschen, insbesondere 15- bis 29-Jährige, erleben psychische Krisen mit Suizidgedanken – Suizid zählt zu den häufigsten Todesursachen in dieser Gruppe. Monja (26) und Arthur (23) meistern trotz Depressionen den Alltag und vermitteln Hoffnung. Monja entwickelte durch familiäre Belastungen früh Depressionen, Selbstverletzungen und Essstörungen; mit 18 folgte die Borderline-Diagnose. Ihre Verfassung schwankt stark, mit Tiefs bis zu Suizidversuchen. Freundin Lena und ein professionelles Netzwerk stützen sie; ihr Job als Ergotherapeutin sowie Sport bieten Halt. Aktuell sehnt sie eine Assistenzhündin herbei für mehr Stabilität.

Arthur leidet unter Leistungsdruck und dem Gefühl der Unzulänglichkeit: Nach dem Abitur versank er in Taubheit, Hoffnungslosigkeit und Erschöpfung, zog sich zurück und grübelte, was Isolation verstärkte. Nach Studienabbruch fand er in einer Schreiner-Ausbildung Freude, Kraft und Motivation. Nun strebt er soziale Reintegration an – Kontakte zu Freunden aufbauen und Musikleidenschaft pflegen.

Suizidgefährdete Menschen wollen im Kern leben, doch psychische Blockaden machen dies unglaublich schwer – entscheidend sind Vertrauen zu anderen Menschen und der Mut, sich Hilfe zu suchen. Beide haben mehrere stationäre Psychiatrie-Aufenthalte und Therapien durchlaufen, nähren ihre Hoffnung aus kleinen Etappensiegen und blicken so trotz Rückschlägen hoffnungsvoll nach vorn.

Prävention und Therapie bei Jugendlichen

Suizidprävention bei Jugendlichen orientiert sich am Zusammenspiel von Risikofaktoren wie Komorbiditäten – etwa Borderline-Störungen oder Essstörungen – und schützenden Elementen wie einem stabilen sozialen Netzwerk, beruflicher Orientierung oder Hobbys, die Hoffnung und Perspektive schaffen. Besonders wirksam erweist sich die dialektisch-behaviorale Therapie (DBT) bei Borderline, die Suizidversuche um 50–70% reduziert, indem sie Emotionsregulation und Krisenbewältigung trainiert.

Ergänzend senken Assistenztiere den Cortisolspiegel, fördern Bindung und emotionale Stabilität als sanfte Alltagsbegleiter. Langzeitstudien zeigen, dass 70% der Betroffenen durch multimodale Behandlungen – inklusive Therapie, Medikation und sozialer Unterstützung – stabilisiert werden und langfristig suizidresistent leben.

Aufmerksame Schulen retten Leben

Schulen sind ein zentraler Ort für Suizidprävention im Kindes- und Jugendalter, wie das EU-Projekt SEYLE bei 11.000 Schülern in 10 Ländern eindrucksvoll zeigte: Durch Gatekeeper-Training, Awareness-Programme und professionelle Screenings sanken Suizidversuche und -gedanken in der Interventionsgruppe signifikant im Vergleich zur Kontrollgruppe – nach 12 Monaten deutlich messbar. Weltweit verfolgen 28 Länder, darunter Deutschland, nationale Strategien; eine Übersichtsarbeit über 164 Studien (2005–2014) unterstreicht die Wirksamkeit vielfältiger Ansätze, etwa Barrieren an Suizid-Hotspots, die Sprungtote um 86% reduzierten, oder kleinere Packungsgrößen von Schmerzmitteln, die Suizidraten um 43% senkten. Schulaufklärungsprogramme halbierten zudem Suizidgedanken um 50% und Versuche um 55% innerhalb eines Jahres, ergänzt durch zugangsbeschränkende Maßnahmen zu Waffen oder Pestiziden, Behandlung psychiatrischer Grunderkrankungen sowie geschulte Pädiater und Allgemeinmediziner.

Quellen:
  • DAK-Gesundheit: DAK-Psychreport 2023. https://www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/psychreport-2023_32618 (abgerufen am 18.12.2025)
  • Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen (DGBS): Rückfallprophylaxe bei Depression. https://dgbs.de/fileadmin/cust/dgbs-materialien/DGBS_Rueckfallprophylaxe_bei_Depression.pdf (abgerufen am 18.12.2025)
  • Bündnis Kinderschutz MV: Hilfe für Kinder psychisch kranker Eltern. https://buendnis-kinderschutz-mv.de/cms/upload/Publikationen/DBR_Kinder_psychisch_kranker_Eltern.pdf (abgerufen am 18.12.2025).
  • Deutsches Ärzteblatt 2020: Suizidalität im Kindes- und Jugendalter. https://www.aerzteblatt.de/archiv/suizidalitaet-im-kindes-und-jugendalter-5a51aed5-d40f-41af-8e61-392ad5626a70 (abgerufen am 18.12.2025)
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