Sonnenbaden unter Medikamenten: Wie groß ist das Risiko für Hautreaktionen?

3 Generationen genießen die Sonne: Oma, Tochter, Enkelin
© Adobe Stock

Eine aktuelle Studie (DOI: 10.1111/jdv.15952) beleuchtet das Risiko photosensibler Hautreaktionen bei der Einnahme von Arzneimitteln. Sie basiert auf Daten aus Deutschland und Österreich von 2010 bis 2017 und hebt hervor, dass rund die Hälfte der jährlich erstatteten Arzneimittelpackungen in den Fachinformationen Warnhinweise zu einer möglichen Photosensibilität enthält. Im Fokus steht die Frage, ob Patient:innen unter Therapie im Sommer besondere Vorsicht walten lassen sollten.

Häufigkeit und Verbreitung der Risikomedikamente

Im Jahr 2017 wurden in Deutschland etwa 310 Millionen Packungen potenziell photosensibilisierender Arzneimittel abgegeben. Den Spitzenplatz nahmen kardiovaskuläre Präparate mit 33 Prozent ein, darunter Wirkstoffe wie Hydrochlorothiazid und Clopidogrel. Eng dahinter folgten metabolisch und endokrinologisch wirksame Substanzen wie Metformin oder Östrogene. Insgesamt existieren Berichte über Photosensibilisierung für 393 in Deutschland zugelassene Medikamente und Wirkstoffe. Die tatsächliche Häufigkeit solcher Reaktionen bleibt jedoch unklar, da sie oft unerkannt bleiben und selten dokumentiert werden.

Mechanismus und Ausprägungen photosensibler Reaktionen

Mehr als 300 Arzneimittel stehen im Verdacht, eine gesteigerte Lichtempfindlichkeit auszulösen, wenn sie oder ihre Abbauprodukte in der Haut vorliegen und UV- oder sichtbares Licht absorbieren. Photosensibilität äußert sich primär in zwei Formen: phototoxischen Reaktionen, die direkt nach Sonnenexposition – innerhalb von Minuten bis Stunden – auf bestrahlten Hautpartien entstehen, und photoallergischen, die erst nach mindestens 24 Stunden als Ekzem auch auf nichtexponierten Bereichen auftreten. Einige Substanzen vermögen beide Typen hervorzurufen; seltene Manifestationen umfassen Hyperpigmentierungen, Erythema multiforme, Onycholyse sowie ein erhöhtes Risiko für Hautkrebs. Betroffene Klassen reichen von Herz-Kreislauf-Mitteln und Entzündungshemmern über Tumortherapeutika, Antiinfektiva, Antimykotika bis zu Antidepressiva und weiteren.

Häufigste Auslöser: NSAR und Diuretika im Visier

Besonders relevant sind Medikamente mit hoher Verordnungshäufigkeit und vielen gemeldeten Fällen. Hier dominieren nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) sowie Diuretika, allen voran Ibuprofen und Hydrochlorothiazid, die für die Mehrzahl der Vorfälle in Deutschland verantwortlich zeichnen. Weniger Einfluss haben Stoffe mit starkem Potenzial, die jedoch seltener verordnet werden, etwa Vemurafenib, Doxycyclin oder Amiodaron. Diese Unterscheidung unterstreicht, dass Alltagsmedikamente das größte Gefahrenpotenzial bergen.

Kardiovaskuläre Wirkstoffe unter der Lupe

Bei herz-kreislaufbezogenen Mitteln finden sich vielfältige photosensibilisierende Stoffe. Unter Diuretika zählen Acetazolamid, Bendroflumethiazid, Bumetanid, Chlorthalidon, Furosemid, Hydrochlorothiazid, Indapamid, Spironolacton, Torasemid und Xipamid dazu. RAAS-Inhibitoren umfassen Candesartan, Captopril, Enalapril, Fosinopril, Irbesartan, Lisinopril, Losartan, Olmesartan, Quinapril, Ramipril, Telmisartan und Valsartan. Antiarrhythmika wie Amiodaron und Dronedaron, Beta-Blocker wie Carvedilol und Sotalol, Kalziumkanalblocker wie Amlodipin, Diltiazem, Nifedipin und Verapamil sowie Methyldopa als Antihypertensivum und Clopidogrel als Antikoagulans vervollständigen die Liste.

Entzündungshemmende Mittel und ihre Fallstricke

Im Bereich antiphlogistischer Wirkstoffe stechen NSAR hervor: Benzydamin, Diclofenac, Ibuprofen, Indometacin, Ketoprofen, Ketorolac, Meloxicam, Naproxen, Piroxicam und Phenylbutazon. COX-2-Hemmer wie Celecoxib sowie Mesalazin und Sulfasalazin ergänzen diese Gruppe. Diese Substanzen, weit verbreitet bei Schmerzen und Entzündungen, fordern bei sonnenintensiven Perioden erhöhte Achtsamkeit.

Onkologische Therapien mit Lichtrisiko

Antineoplastische Medikamente bergen ebenfalls Gefahren. Alkylierende Agentien wie Chlorambucil und Dacarbazin sowie Antimetaboliten wie Capecitabin, Fluorouracil, Mercaptopurin, Methotrexat und Thioguanin sind betroffen. Pflanzliche Alkaloide wie Docetaxel, Paclitaxel und Vinblastin, Anthracycline wie Epirubicin sowie Protein-Kinase-Inhibitoren wie Cobimetinib, Crizotinib, Dabrafenib, Dasatinib, Erlotinib, Gefitinib, Imatinib, Lapatinib, Regorafenib, Trametinib, Vandetanib und Vemurafenib zählen dazu. Monoklonale Antikörper wie Eculizumab, Nivolumab, Panitumumab und Trastuzumab sowie weitere wie Bicalutamid, Flutamid, Interferon alpha, Irinotecan und PEG-Interferon runden das Spektrum ab.

Antibiotika und Antimykotika als Sonnenfallen

Antiinfektiöse Präparate listen Fluorchinolone wie Ciprofloxacin, Levofloxacin, Lomefloxacin, Moxifloxacin, Norfloxacin und Ofloxacin auf. Tetrazykline umfassen Doxycyclin, Minocyclin und Tetrazyklin; Sulfonamide wie Cotrimoxazol und Sulphadiazin sowie Cephalosporine wie Cefazolin, Cefotaxim und Ceftazidim folgen. Aminoglykoside wie Gentamicin, Antimykotika wie Itraconazol, Ketoconazol, Terbinafin und Voriconazol, Antituberkulotika wie Aminosalicylat-Natrium, Ethambutol, Isoniazid und Pyrazinamid sowie Virostatika wie (Val-)Acyclovir, Amantadin, Efavirenz, Daclatasvir, (Val-)Ganciclovir, Ribavirin, Ritonavir, Simeprevir und Saquinavir ergänzen die Übersicht. Azithromycin und Mefloquin fallen in die Kategorie Sonstiges.

Stoffwechselmedikamente und Hormone im Fokus

Metabolisch-endokrinologische Wirkstoffe beinhalten Statine wie Atorvastatin, Pravastatin, Rosuvastatin und Simvastatin sowie Fibrat wie Bezafibrat und Fenofibrat. Antidiabetika wie Canagliflozin, Glimepirid, Gliquidon, Glyburid (Glibenclamid), Metformin und Sitagliptin sowie Protonenpumpenhemmer wie Esomeprazol, Pantoprazol und Rabeprazol sind relevant. Gichtmittel wie Allopurinol, Colchicin und Febuxostat, Hormone wie Ethinylestradiol, Hydrocortison, Melatonin, Östrogen und Progesteron, Antihistaminika wie Cetirizin, Cyproheptadin, Diphenhydramin, Hydroxyzin, Loratadin und Ranitidin sowie Thyreostatika wie Propylthiouracil vervollständigen diese Gruppe.

Weitere Klassen: Von Retinoiden bis Immunsuppressiva

Sonstige photosensibilisierende Stoffe umfassen Anticholinergika wie Glycopyrrolat und Tiotropium, Cholinergika wie Pilocarpin, PDE5-Hemmer wie Sildenafil und Vardenafil. Photosensibilatoren wie Aminolävulinsäure, 8-Methoxypsoralen und Verteporfin, Interleukine wie Aldesleukin, Retinoide wie Acitretin, Isotretinoin und Tretinoin sowie Immunsuppressiva wie Azathioprin, Interferon beta, Leflunomid, Omalizumab, Pirfenidon, Tacrolimus und Tocilizumab zählen hinzu. Antidote wie Acetylcystein und Vitamine wie Pyridoxin schließen die Liste.

Nervenmittel

Auch in der Nervenheilkunde lauern Risiken. Antidepressiva wie Amitriptylin, Bupropion, Citalopram, Clomipramin, Duloxetin, Doxepin, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, Johanniskrautextrakt, Paroxetin, Sertralin, Tranylcypromin, Trazodon und Venlafaxin können photosensibel wirken – bei Citalopram und Venlafaxin gelegentlich (1 bis 9 von 1.000 Behandelten). Antipsychotika wie Chlorprothixen, Clozapin, Flupentixol, Haloperidol, Maprotilin, Olanzapin, Perphenazin, Pimozid, Quetiapin, Risperidon und Ziprasidon, Antikonvulsiva wie Carbamazepin, Felbamat, Lamotrigin, Phenytoin, Topiramat und Valproinsäure sowie Triptane wie Naratriptan, Sumatriptan und Zolmitriptan ergänzen dies. Sonstige wie Acamprosat, Methylphenidat, Procyclidin und Ropinirol fallen ebenfalls darunter.

Johanniskraut: Mythos oder reale Bedrohung?

Johanniskraut gilt als Inbegriff für gesteigerte Hautlichtempfindlichkeit, doch der Ursprung liegt im Hypericismus bei Weidetieren durch hohen Hypericingehalt. Humanstudien mit reinen, hohen Dosen – teils intravenös bei HIV-Patient:innen – zeigten Reaktionen unter Sonne. Therapeutische Dosen enthalten jedoch zu wenig Hypericin; eine Studie mit 20 gesunden Männern nach 14 Tagen ergab keine Veränderung der minimalen Erythemdosis. Fachinformationen wie zu Laif® 900 nennen keine Häufigkeit.

Sommertherapie fortsetzen – mit Schutzstrategien

Die Leitlinie „Unipolare Depression“ rät zu einer vier- bis neunmonatigen Erhaltungstherapie nach der Akutphase, um Rezidive zu mindern – inklusive Sommer. Sonnenexposition bleibt ratsam, doch verantwortungsvoll: Mittagsstunden meiden, hochschützende UV-A- und UV-B-Sonnencremes auftragen, schützende Textilien nutzen.

Quellen:
  • Springer Nature: Fachinformation zu Laif® 900. https://cms-resources.apps.public.k8s.springernature.io/springer-cms/rest/v1/content/18790026/data/v1 (abgerufen am 15.12.2025).
  • Hofmann, G.A. et al. (2019): The frequency of photosensitizing drug dispensings in Austria and Germany: a correlation with their photosensitizing potential based on published literature. Journal of the European Academy of Dermatology and Venereologyh. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jdv.15952 (abgerufen am 15.12.2025).
  • Gulick, R.M. et al. 1999: Phase I Studies of Hypericin, the Active Compound in St. John's Wort, as an Antiretroviral Agent in HIV-Infected Adults: AIDS Clinical Trials Group Protocols 150 and 258. Annals of Internal Medicine. https://www.acpjournals.org/doi/abs/10.7326/0003-4819-130-6-199903160-00015 (abgerufen am 15.12.2025).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. Registernummer: nvl-005. Version 3.2. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 25.09.2025).
  • Springer Medizin: Medikamenteneinnahme im Sommer: Unerwünschte Hautreaktion als Nebenwirkung? 2022. https://www.springermedizin.de/unerwuenschte-hautreaktion-als-nebenwirkung-/18733260 (abgerufen am 15.12.2025).
Auch interessant:
Bild zum Artikel„Wenn Medikamente versagen – was jetzt hilft“

Wenn Patient:innen nicht auf Antidepressiva ansprechen, sind gezielte Diagnostik und individuelle Therapieanpassungen entscheidend. Ein strukturierter Leitfaden hilft, Behandlungswege effektiv zu gestalten.

Bild zum Artikel„Wundheilung nach Laser – wie Dexpanthenol den MMP3-Verlust kompensiert“

Neue In‑vitro-Daten zeigen: Dexpanthenol in Bepanthen® Wund- und Heilsalbe kann einen laserbedingten Rückgang des Enzyms MMP3 ausgleichen und so den Wundverschluss nach ablativer Lasertherapie beschleunigen.

Bild zum Artikel„Die algorithmische Sprechstunde: Eine kritische Analyse von ChatGPT Health im Spannungsfeld zwischen technologischer Innovation und klinischer Evidenz“

ChatGPT Health wird als medizinische Revolution gefeiert. Warum eine KI, die Befunde erklärt und Gesundheitsdaten auswertet, in einem marktbasierten System wie in den USA funktioniert, im deutschen Solidarprinzip jedoch zur Gefahr werden kann, liest du in diesem Beitrag.

Navigation Schließen Suche E-Mail Telefon Kontakt Pfeil nach unten Pfeil nach oben Pfeil nach links Pfeil nach rechts Standort Download Externer Link Startseite