Psychoonkologie im Aufwind: Der Mensch im Mittelpunkt

Eine Pflegekraft legt die Hände auf die Hände eines Senioren, der sich auf einem Gehstock aabstützt
© Adobe Stock

Krebserkrankungen stellen Betroffene nicht nur körperlich, sondern auch psychisch und sozial vor große Herausforderungen. Laut dem Fachmagazin Die Urologie (Ausgabe 9/2024) benötigt etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Krebspatient:innen professionelle psychologische Unterstützung, um mit den vielfältigen Belastungen während der Erkrankung und Therapie besser umgehen zu können. Diese Erkenntnisse unterstreichen, wie zentral die psychoonkologische Versorgung als integraler Bestandteil moderner Krebsbehandlung ist.
Ziel der psychoonkologischen Betreuung ist es, die Lebensqualität der Patient:innen zu steigern, die Krankheitsbewältigung zu fördern und psychisches Wohlbefinden langfristig zu stabilisieren. In den vergangenen Jahren wurde dieses Versorgungsfeld stetig ausgebaut – gestützt durch Leitlinien, nationale Strategien und die wachsende wissenschaftliche Evidenz.

Früherkennung psychischer Belastung als Schlüssel

Ein zentraler Grundpfeiler der psychoonkologischen Versorgung ist das strukturierte Screening psychischer Belastungen. Frühzeitig erkannt, kann Distress, Angst oder Depression gezielt behandelt werden, bevor sie die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Regelmäßige psychosoziale Screenings helfen dabei, jene Patient:innen zu identifizieren, die besondere Unterstützung benötigen.

Die Überweisung zu individuell passenden, evidenzbasierten Therapieformen ist dabei entscheidend. Je nach Bedarf kommen unter anderem Verhaltenstherapie, psychodynamische Psychotherapie oder interpersonelle Therapie zum Einsatz. Diese Ansätze haben sich als wirksam erwiesen, um emotionale Belastungen zu verringern und das Wohlbefinden zu fördern.

Wirksamkeit und Forschungsbedarf

Mehrere wissenschaftliche Auswertungen zeigen, dass psychoonkologische Interventionen spürbare Verbesserungen in der Lebensqualität bewirken können. Gleichzeitig bleibt die Evidenzlage für bestimmte Gruppen – etwa bei Prostatakrebspatienten – noch unzureichend. Hier besteht weiterer Forschungsbedarf, um wirksamere und stärker zugeschnittene Behandlungskonzepte zu entwickeln, die den besonderen Bedürfnissen einzelner Gruppen gerecht werden.

Selbstwirksamkeit durch „Patient Empowerment“

Neben der therapeutischen Begleitung gewinnt das Konzept des „patient empowerment“ zunehmend an Bedeutung. Es fördert die aktive Rolle der Patient:innen im eigenen Behandlungsprozess und trägt zur Stärkung ihrer Selbstwirksamkeit bei.

Im Zentrum steht dabei der Wissenstransfer: Wenn Patient:innen verstehen, welche Bedeutung ihre eigene Haltung und Mitwirkung im Krankheitsprozess haben, können sie selbstbewusster Entscheidungen treffen und ihren Genesungsweg aktiv mitgestalten. Studien zeigen, dass dieser Ansatz hilft, Kontrolle und Vertrauen in den eigenen Körper wiederzuerlangen – Aspekte, die für die psychische Stabilität während der Krebsbehandlung unverzichtbar sind.

Versorgungslage und strukturelle Entwicklungen in Deutschland

Die psychoonkologische Versorgung in Deutschland hat in den letzten Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Maßgeblich mitverantwortlich dafür sind der Nationale Krebsplan sowie die S3-Leitlinie zur psychoonkologischen Versorgung, die Struktur und Qualität innerhalb des Versorgungssystems verbessert haben.

Trotz dieser Fortschritte besteht weiterhin Optimierungsbedarf – insbesondere bei der Regelmäßigkeit und Verfügbarkeit von psychosozialem Screening sowie in der flächendeckenden Umsetzung evidenzbasierter Unterstützungsangebote. Der individuelle Zugang zu qualifizierter psychologischer Begleitung bleibt ein entscheidender Faktor, um Betroffene effektiv zu entlasten.

Zwischen Anspruch und Realität

Etwa ein Drittel aller Krebspatient:innen äußert konkret den Wunsch nach professioneller psychologischer Unterstützung. Diese Zahl verdeutlicht, dass das Thema in der Onkologie längst kein Randaspekt mehr ist, sondern zu den grundlegenden Bedürfnissen einer ganzheitlichen Behandlung gehört. Die Herausforderung besteht darin, systematisch sicherzustellen, dass solche Angebote nicht nur theoretisch vorhanden, sondern auch praktisch erreichbar sind. Nur wenn Screening, Zuweisung und Therapie eng verzahnt sind, kann psychoonkologische Betreuung ihr volles Potenzial entfalten.

Fazit: Ganzheitliche Krebsbehandlung braucht Psychoonkologie

Psychoonkologische Versorgung ist weit mehr als eine unterstützende Ergänzung – sie ist ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Krebsmedizin. Individuell angepasste, evidenzbasierte Interventionen können den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen, die Lebensqualität erhöhen und den Patient:innen helfen, mit Ängsten, Depressionen oder Überforderung besser umzugehen.

Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit, wissenschaftlich fundierte Therapieansätze und die konsequente Einbindung der Patient:innen in den Behandlungsprozess kann die psychoonkologische Betreuung in Deutschland weiter gestärkt werden. So entsteht ein Versorgungssystem, das den Menschen als Ganzes sieht – mit Körper, Geist und Seele.

Quellen:
  • Mehnert-Theuerkauf, A., Springer, F. Psychoonkologie – psychosoziale Belastungen und Versorgungsbedarfe. Urologie 63, 878–885 (2024). https://doi.org/10.1007/s00120-024-02395-3
  • Springermedizin (2025): Psychoonkologie: Unterstützung für Krebspatient:innen im Fokus. https://www.springermedizin.de/psychoonkologie-unterstuetzung-fuer-krebspatient-innen-im-fokus/50677150 (abgerufen am 15.12.2025)
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