Psychische Gesundheit auf dem Teller: Der Einfluss einer fleischlosen Ernährung

Eine Collage diverser Gerichte auf Tellern: Fleisch, Gemüse, Fisch
© Adobe Stock

Vegetarische und vegane Ernährungsweisen gelten als gesundheitsfördernd – sie stehen in Verbindung mit niedrigeren Cholesterinspiegeln und einem geringeren Risiko für Typ-2-Diabetes. Doch neue Daten werfen Fragen auf: Kann der Verzicht auf Fleisch das Risiko für depressive Symptome erhöhen? Eine Reihe aktueller Metaanalysen und bevölkerungsbasierter Studien versucht, dieser Frage nachzugehen – mit spannenden, aber teils widersprüchlichen Ergebnissen.

Metaanalysen zeigen auffällige Unterschiede

Eine Metaanalyse von Ocklenburg und Borawski verglich die Depressionswerte von insgesamt 49.889 Personen, darunter 41.832 mit omnivorer und 8.057 mit vegetarischer Ernährung. Das Resultat: Omnivor lebende Teilnehmende wiesen in standardisierten Depressionsskalen signifikant niedrigere Werte auf als Vegetarier:innen (DOI: 10.1016/j.jad.2021.07.098)
Ähnliche Resultate liefert die Auswertung von Dobresk und Kolleg:innen, die 20 Studien mit insgesamt 171.802 Personen einschloss – davon 157.778 Fleischkonsument:innen und 13.259 Vegetarier:innen. Auch hier zeigten sich im Durchschnitt geringere Depressionswerte bei Personen, die Fleisch essen, verglichen mit Vegetarier:innen und Veganer:innen (DOI: 10.1080/10408398.2021.1974336).

Eine großangelegte brasilianische Querschnittsstudie mit 14.216 Teilnehmenden kam zu einem vergleichbaren Ergebnis: Menschen mit fleischloser Kost waren etwa doppelt so häufig von Depressionen betroffen wie Fleischesser:innen (DOI: 10.1016/j.jad.2022.09.059).

Ursache oder Folge? Die Suche nach der Richtung des Zusammenhangs

Trotz der beobachteten Unterschiede mahnen die Autor:innen zur Vorsicht. Aus den Daten lässt sich kein kausaler Zusammenhang ableiten. Es könnte auch sein, dass depressive Personen ihre Ernährung umstellen – zum Beispiel, weil sie sich gesünder ernähren möchten oder eine Lebensstilveränderung als Teil ihrer Krankheitsbewältigung betrachten. Solche Faktoren könnten die Ergebnisse verzerren.

Darüber hinaus weisen die Forschenden auf die hohe Heterogenität der untersuchten Studien hin: Unterschiedliche Erhebungsmethoden, Ernährungsdefinitionen und kulturelle Kontexte erschweren eindeutige Schlussfolgerungen. Der Konsens lautet daher: Weitere empirische Forschung in Form methodisch sauberer, longitudinaler Studien ist dringend notwendig, um mögliche Ursache-Wirkungs-Beziehungen klären zu können.

Nährstoffmangel als möglicher Einflussfaktor

Unstrittig ist allerdings, dass vegetarische und vor allem vegane Kost bestimmte Nährstoffrisiken birgt. Besonders kritisch ist die Versorgung mit Vitamin B12, das fast ausschließlich in tierischen Lebensmitteln vorkommt. Studien zeigen, dass vegetarisch oder vegan lebende Personen ein deutlich erhöhtes Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel haben.

Ein solcher Mangel kann vielfältige gesundheitliche Probleme verursachen: Neben einer Anämie treten häufig neurologische Störungen, Gedächtnisprobleme, Müdigkeit, Aufmerksamkeitsdefizite und depressive Verstimmungen auf. Vor allem in Schwangerschaft und Stillzeit wird vegetarisch lebenden Personen geraten, auf eine ausreichende Vitamin-B12-Zufuhr zu achten. Eine rein vegane Ernährung in diesen Lebensphasen sowie bei Säuglingen, Kindern und Jugendlichen wird ausdrücklich nicht empfohlen.

Rolle der Omega-3-Fettsäuren in der psychischen Gesundheit

Neben Vitamin B12 spielen langkettige Omega-3-Fettsäuren wie Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA) eine wichtige Rolle in der Gehirnfunktion. Sie beeinflussen unter anderem Zellkommunikation, Neurotransmitteraktivität und Entzündungsprozesse – Mechanismen, die potenziell antidepressive Effekte haben.
Bei veganer Ernährung ist die Aufnahme dieser Fettsäuren erschwert, da sie überwiegend in Fisch und Meeresfrüchten vorkommen. Zwar kann der Körper EPA und DHA aus pflanzlichen Vorstufen synthetisieren, doch geschieht dies langsam und ineffizient. Dennoch bleibt die wissenschaftliche Evidenz für eine klinisch relevante antidepressive Wirkung von Omega-3-Fettsäuren gering. Ein aktuelles Cochrane-Review beschreibt lediglich einen mäßigen, aber nicht ausreichend bedeutsamen Einfluss im Vergleich zu Placebo.

Leitlinienempfehlung: Gesunde Ernährung statt Supplemente

Die Nationale Versorgungsleitlinie zur unipolaren Depression betont, dass eine ausgewogene und gesunde Ernährung wichtiger Bestandteil der Behandlung sein kann – insbesondere, um die häufig auftretende Antriebslosigkeit zu überwinden. Von Nahrungsergänzungsmitteln wird hingegen abgeraten, sofern kein diagnostizierter Mangel an Mikronährstoffen besteht.

Diese Empfehlung unterstreicht, dass eine rein ernährungsbasierte Therapie depressive Störungen nicht ersetzen kann, die Ernährung jedoch langfristig zur Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens beiträgt.

Fazit: Komplexe Zusammenhänge, keine einfachen Antworten

Ob Fleischverzicht Depressionen begünstigt oder depressive Stimmung zu einer Ernährungsumstellung führt, bleibt offen. Gegenwärtig kann kein kausaler Zusammenhang belegt oder ausgeschlossen werden. Klar ist jedoch: Niedrige Spiegel von Vitamin B12 und Omega-3-Fettsäuren sind mit einem erhöhten Risiko für depressive Symptome assoziiert – ihre gezielte Supplementierung zeigt bislang jedoch nur begrenzte Wirksamkeit.

Für die Praxis bedeutet das: Eine vollwertige, abwechslungsreiche Ernährung bleibt die beste Grundlage für körperliche und psychische Gesundheit – egal, ob mit oder ohne Fleisch.

Quellen:
  • Ocklenburg, S. & Borawski, J. (2021): Meat consumption and depressive disorders: A meta-analysis. Journal of Affective Disorders, DOI: 10.1016/j.jad.2021.07.098.
  • Dobersek, U. et al. (2021): Meat and mental health: A systematic review of meat abstention and depression, anxiety, and related psychological outcomes. Critical Reviews in Food Science and Nutrition, DOI: 10.1080/10408398.2021.1974336.
  • Kohl, I. S. et al. (2023): Vegetarian diets and depression: A cross-sectional study among 14,216 adults in Brazil. Journal of Affective Disorders, DOI: 10.1016/j.jad.2022.09.059.
  • Appleton, K.M. et al. (2015): Omega-3 fatty acids for depression in adults. Cochrane Database of Systematic Reviews, DOI: 10.1002/14651858.CD004692.pub4.
  • Healy-Stoffel, M. & Levant, B. (2018): N-3 (Omega-3) fatty acids: Effects on brain dopamine systems and potential role in the etiology and treatment of neuropsychiatric disorders. CNS & Neurological Disorders – Drug Targets, DOI: 10.2174/1871527317666180417160914.
  • Springermedizin (2025): Depressiv durch Fleischverzicht? https://www.springermedizin.de/depressiv-durch-fleischverzicht-/50716644 (abgerufen am 12.12.2025).
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