Pillen und Pfunde: Antidepressiva im Gewichtscheck

Jemand greift in seinen Bauchspeck oberhalb der Gürtellinie.
© Adobe Stock

Florian Faßbender, Apotheker, betont, dass viele Medikamente Gewichtszunahme auslösen können, vor allem Psychopharmaka wie Antidepressiva oder Antipsychotika. Diese wirken auf Stoffwechsel und Appetit ein: Manche regen den Hunger an, andere lassen nur den normalen Appetit zurückkehren, der in der Depression zuvor fehlte. Einige dämpfen die Lust zur Bewegung. Auch Kortikosteroide wie Kortison begünstigen Fettansammlungen, besonders im Kopf- und Bauchbereich, was zu typischen Merkmalen wie Mondgesicht oder Stiernacken führt.

Eine große Analyse aus Boston mit Daten von über 180.000 US-Patient:innen (2010–2019) aus acht Gesundheitssystemen beleuchtet die Gewichtszunahme unter acht Erstpräparaten und gibt Behandlenden klare Anhaltspunkte für die Medikamentenwahl. Inmitten des gesellschaftlichen Drucks zum Schlanksein wird diese Nebenwirkung besonders gefürchtet – sie erhöht Abbruchrisiken und Begleiterkrankungen wie Diabetes oder Herzprobleme.

Schlankheitswahn trifft auf Medizinrealität

Gesunde Knabbereien wie Gemüsesticks statt Chips prägen Haushalte, doch der Trend geht tiefer: Ein perfekter Körper steht im Vordergrund. Abnehmspritzen, ursprünglich für Diabetes oder Fettleibigkeit gedacht, mutieren zu Lifestyle-Hits. Personaltrainer und Stoffwechsel-Booster wie Bitterstoffe boomen ebenfalls. Gegen diesen Hintergrund schreckt Gewichtszunahme unter Antidepressiva ab – Beipackzettel wecken Ängste, die zu Therapieabbrüchen führen und Heilung sabotieren.

Boston-Daten entlarven Gewichtsfallen

Die Boston-Studie maß Gewichtsveränderungen sechs Monate nach Therapiebeginn, mit Sertralin als Referenz (+1,46 kg nach zwei Jahren). Escitalopram, Paroxetin, Duloxetin, Venlafaxin und Citalopram führten zu stärkeren Zunahmen, Fluoxetin blieb neutral, Bupropion sparte Gewicht und senkte das Risiko einer relevanten 5%-Zunahme um 15% [3-5].
Mirtazapin, in Deutschland populär, fehlte in der Boston-Analyse. Die Leitlinie „Unipolare Depression“ und Fachinfos warnen: Bei >5% der Behandelten drohen Gewichts- und Appetitzunahme. Trizyklische Antidepressiva teilen dieses Profil prominent.

Pflanzliche Chance ohne Waage-Alarm

Bei leichten/mittelgradigen Episoden (ICD-10 F32.1/F33.1) erlaubt die S3-Leitlinie „Unipolare Depression“ Johanniskraut-Extrakt als erstes Medikament. Zulassungsstudien zu Laif®900 belegen: Signifikant verträglicher als SSRIs, ohne Gewichtszunahme oder sexuelle Störungen; Wirksamkeit gleichauf mit Citalopram (20 mg/Tag) [8-10]. Wichtig: Nur zugelassene, verschreibungspflichtige Arzneimittel (GKV-erstattbar).

Ein Fallbeispiel verdeutlicht

Anna, 42, Marketing-Managerin aus Berlin, spürte nach ihrem Burnout 2024 erste Besserung unter Escitalopram. Doch die Zunahme von 8 kg innerhalb von sechs Monaten traf sie hart: „Die engen Jeans waren der Tropfen, der mein Selbstwertgefühl endgültig zerdrückte. Abends der unstillbare Heißhunger, tagsüber Scham vor dem Spiegel – ich dachte ständig: Therapie oder Taillenumfang?“ Der Abbruch schien unausweichlich. Stattdessen wechselte sie zu Bupropion: Nach weiteren sechs Monaten stabilisierte sich ihr Gewicht wieder, der Antrieb kehrte zurück ohne Essattacken. Typisch für ca. 20–30% der Betroffenen: Gewichtszunahme unter SSRIs treibt zum Absetzen was die Wahl des Antidepressivas entscheidend beeinflusst.

Fazit

Die richtige Wahl des Antidepressivums ist entscheidend, um Gewichtszunahme zu vermeiden und Therapieabbrüche zu verhindern. Bupropion stabilisiert das Gewicht und steigert den Antrieb, während Johanniskraut bei leichten Depressionen eine verträgliche Alternative ohne Pfundrisiko oder sexuelle Störungen bietet.

Quellen:
  • Apotheken Umschau: Ich habe plötzlich zugenommen – kann das am Antidepressivum liegen? 2025. https://www.apotheken-umschau.de/medikamente/ploetzlich-zugenommen-liegt-das-am-antidepressivum-1238807.html (abgerufen am 19.12.2025)
  • Gastpar, M. et al. (2006): Comparative Efficacy and Safety of a Once-Daily Dosage of Hypericum Extract STW3-VI and Citalopram in Patients with Moderate Depression: A Double-Blind, Randomised, Multicentre, Placebo-Controlled Study. Pharmacopsychiatry. DOI: 10.1055/s-2006-931544
  • Kresimon, J. et al. (2012): Versorgung von Patienten mit mittelschwerer Depression unter Therapie mit Hypericum-Extrakt STW3-VI im Vergleich zu selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) im Praxisalltag. Gesundheitsökonomie & Qualitätsmanagement. DOI: 10.1055/s-0031-1299123
  • Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Unipolare Depression: Kurzfassung, Version 3.0. 2022. https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/660e0e633be6f5db59e8f31ea3b144c29447b9b9/nvl-005k_S3_Unipolare_Depression_2022-10.pdf (abgerufen am 25.09.2025).
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 25.08.2025).
  • Linde, K. et al. (2008): St John's wort for major depression. Cochrane Database Syst Rev. https://doi.org/10.1002/14651858.CD000448.pub3
  • Springer Medizin: Neue Studie: Diese Antidepressiva machen dick! 2024. https://www.springermedizin.de/neue-studie-diese-antidepressiva-machen-dick-/50006372 (abgerufen am 19.12.2025).
  • Petimar et al. (2024): Medication-Induced Weight Change Across Common Antidepressant Treatments: A Target Trial Emulation Study. Annals of Internal Medicine, DOI: 10.7326/M23-2742.
Auch interessant:
Bild zum Artikel„Medizinisch-wissenschaftliches Whitepaper: Grundlagenforschung und Therapiepositionierung der Bepanthen® Sensiderm Anti-Juckreiz Creme“

Die chronisch-entzündliche Hauterkrankung Neurodermitis stellt für viele Betroffene eine erhebliche Belastung im Alltag dar. Umso wichtiger sind wirksame, sichere und langfristig anwendbare Behandlungs- und Pflegekonzepte, die die Haut nachhaltig unterstützen und Beschwerden gezielt lindern können. Erfahren Sie mehr!

Bild zum Artikel„Die Haut als unterschätzter Leidensfaktor bei chronischer Nierenerkrankung“

Hautmanifestationen bei chronischer Nierenerkrankung werden häufig unterschätzt – dabei leiden fast alle Patient:innen mit terminalem Nierenversagen an Pruritus, Xerosis & Co. Doch was bedeutet das für die Praxis? Lesen Sie, warum ein interdisziplinärer Ansatz in der CKD-Therapie zunehmend unverzichtbar wird.

Bild zum Artikel„Wandel der Herzkrankheiten: Vom Herzinfarkt zur Herzinsuffizienz“

Herzkrankheiten bleiben die häufigste Todesursache, doch die Art der tödlichen Herzleiden hat sich in den letzten 50 Jahren drastisch verändert. Fortschritte in Therapie und Prävention retten Leben – neue Herausforderungen entstehen.

Navigation Schließen Suche E-Mail Telefon Kontakt Pfeil nach unten Pfeil nach oben Pfeil nach links Pfeil nach rechts Standort Download Externer Link Startseite