Ketamin bei bipolarer Depression: Was serielle Infusionen leisten

Eine Person befüllt eine Transfusionsleitung mit einer Spritze, die mit dem Begriff "Ketamine" beschriftet ist. Man erkennt nur zwei Hände mit blauen Hygienehandschuhen.

Serielle Ketamininfusionen können depressive Symptome bei therapieresistenter bipolarer Depression innerhalb von zwei Wochen deutlich lindern. Zu diesem Ergebnis kommt eine randomisierte Studie aus Toronto, die in JAMA Psychiatry erschienen ist. Unter Ketamin gingen die Beschwerden signifikant stärker zurück als unter der Vergleichssubstanz Midazolam (DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2026.2658).

Warum Daten zur bipolaren Depression bisher fehlen

Zur bipolaren Depression gibt es deutlich weniger Daten zu Ketamin als zur unipolaren Depression. Für die unipolare Form liegen inzwischen umfangreiche Daten zur antidepressiven Wirkung serieller Ketamininfusionen vor. Menschen mit bipolarer Depression wurden aus solchen randomisierten Studien aus Sicherheitsgründen meist ausgeschlossen.

Das Autorenteam um Joshua Rosenblat vom University Health Network in Toronto erläutert, dass die Beefürchtung bestehe, Ketamin könne in dieser Patient:innengruppe Manien oder Psychosen auslösen.

Bipolare Depression – eine mittelgradige bis schwere depressive Episode im Rahmen einer bipolaren I- oder II-Störung. Sie unterscheidet sich von der unipolaren Depression, bei der keine bipolare Störung vorliegt.

So war die randomisierte Studie aufgebaut

Die Forschenden haben erstmals prospektiv und doppelt verblindet untersucht, wie wirksam und sicher mehrere serielle Ketamininfusionen bei bipolarer Depression sind. Die Infusionen kamen zusätzlich zu einer stabilen stimmungsstabilisierenden Behandlung zum Einsatz.

Der Ablauf:

  • Einschluss von 68 ambulant behandelten Personen mit bipolarer I- oder II-Störung
  • Zufällige Zuteilung zur Ketamin- oder zur Midazolamgruppe
  • Vier intravenöse Infusionen innerhalb von zwei Wochen
  • Ketamin: Startdosis 0,5 mg/kg, Steigerung auf 0,75 mg/kg möglich
  • Midazolam: 0,02 bis 0,03 mg/kg
  • Auswertung nach 14 Tagen, danach eine Woche Nachbeobachtung

Fünf Personen zogen ihre Einwilligung zurück, vier davon im Kontrollarm und eine in der Ketamingruppe. In die primäre Analyse gingen daher die Daten von 63 Patient:innen ein.

Warum Midazolam statt Placebo?

Midazolam ist eine psychoaktive Substanz und hat damit selbst spürbare Effekte. So sollte eine funktionale Entblindung verhindert werden. Gemeint ist, dass Teilnehmende an der Wirkung erkennen, ob sie ein Placebo bekommen haben. Ganz ausschließen lässt sich das aber nicht, da Ketamin eigene typische Effekte hat.

Ketamin vs. Midazolam: Ergebnisse auf der MADRS-Skala

Nach 14 Tagen war der MADRS-Wert unter Ketamin stärker gesunken als unter Midazolam. Der adjustierte Unterschied zwischen den Gruppen betrug −7,3 Punkte (95-%-Konfidenzintervall: −12,0 bis −2,5; p = 0,003). MADRS – Die Montgomery-Åsberg Depression Rating Scale misst, wie schwer depressive Symptome sind. Der Gesamtscore reicht von 0 bis 60.

Kriterium Ketamin Midazolam
DOI: 10.1001/jamapsychiatry.2026.2658
Ansprechen (> 50 % MADRS-Reduktion) 35 % 17,8 %
Remission (MADRS < 13) 17,6 % 8,8 %
Manien, Psychosen, Suizidversuche keine keine
Mischzustand mit subsyndromalen hypomanischen Symptomen 1 Person 1 Person

Sicherheit: Keine Manien, aber Dissoziation an Infusionstagen

In beiden Gruppen traten keine Manien, Hypomanien, Psychosen oder Suizidversuche auf. Das gilt für die zweiwöchige Studienphase und die anschließende Woche Nachbeobachtung. Je eine Person in der Ketamin- und in der Midazolamgruppe entwickelte einen Mischzustand mit subsyndromalen hypomanischen Symptomen. Unerwünschte Ereignisse traten vor allem an den Infusionstagen auf, an den übrigen Tagen waren sie sehr gering.

Unter Ketamin kam es während der Infusionen zu stärkerer Dissoziation als unter Midazolam. Die Verblindung blieb dennoch anfangs weitgehend erhalten. Nach der ersten Infusion errieten nur 47 % der Teilnehmenden richtig, welcher Gruppe sie angehörten, was nah am Zufallswert von 50 % liegt. Nach Abschluss der Behandlung lagen 66 % richtig.

Ausblick

Die Ergebnisse sprechen für eine antidepressive Wirkung von intravenösem Ketamin auch bei bipolarer Depression. Die Autor:innen bewerten serielle Infusionen außerdem als sicher und gut verträglich. Nötig sind jetzt größere Studien, die diese Ergebnisse bestätigen. Möglicherweise sollten sie zusätzliche Dosen über etwas längere Zeiträume untersuchen.

FAQ

Wirkt Ketamin bei bipolarer Depression?

Ja, in dieser Studie hat Ketamin depressive Symptome nach zwei Wochen stärker gelindert als Midazolam. Der Unterschied auf der MADRS-Skala betrug −7,3 Punkte. Die Effektstärke gilt als mittel.

Wie läuft die Behandlung mit Ketamininfusionen in der Studie ab?

Die Teilnehmenden erhielten innerhalb von zwei Wochen vier intravenöse Infusionen. Die Startdosis lag bei 0,5 mg/kg und konnte auf 0,75 mg/kg gesteigert werden. Ihre stimmungsstabilisierende Behandlung lief dabei stabil weiter.

Kann Ketamin bei bipolarer Störung eine Manie auslösen?

In dieser Studie traten keine Manien, Hypomanien oder Psychosen auf. In jeder Gruppe entwickelte eine Person einen Mischzustand mit subsyndromalen hypomanischen Symptomen. Der Beobachtungszeitraum umfasste drei Wochen.

Welche Nebenwirkungen traten unter Ketamin auf?

Unter Ketamin kam es während der Infusionen zu stärkerer Dissoziation. Unerwünschte Ereignisse konzentrierten sich auf die Infusionstage. An den übrigen Tagen waren sie sehr gering.

Wie viele Patient:innen sprachen auf Ketamin an?

35 % sprachen auf Ketamin an, unter Midazolam waren es 17,8 %. Als Ansprechen galt eine Reduktion des MADRS-Werts um mehr als 50 %. Eine Remission erreichten 17,6 % gegenüber 8,8 %.

Quellen:
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