Honorarkürzung stößt auf massiven Protest

Abbildung KI-generiert: Eine Gruppe junger und älterer friedlicher Demonstranten. Auf einem Transparent stet der Text: "Therapiekürzung wirkt nicht.".
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Tausende Psychotherapeut:innen und Befürworter:innen haben in Berlin und weiteren deutschen Städten gegen die geplante Honorarkürzung in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung demonstriert. Die Proteste zeigen, wie stark die Befürchtung ist, dass die Therapieplätze für psychisch erkrankte Menschen weiter knapper werden. Die Demonstranten fordern die Rücknahme der Kürzung und mehr Anerkennung für die Bedeutung der Psychotherapie.

Alarm bei Psychotherapeut:innen

Der Erweiterte Bewertungsausschuss hatte Anfang März beschlossen, die Vergütung psychotherapeutischer Leistungen ab dem 1. April abzusenken. Die Deutschen Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) spricht von einer Abwertung von 4,5 Prozent.

„Wir fordern das Bundesministerium für Gesundheit auf, diesen unsäglichen Beschluss zu beanstanden. Hier wird Versorgung mit den Füßen getreten“, machte Bundesvorsitzender Enno Maaß in Berlin deutlich. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und Therapeut:innen stellten sich geschlossen gegen die Maßnahme. KBV-Vorstand Andreas Gassen nannte die Kürzung „einen beispiellosen Vorgang“.

Streit um die richtige Versorgung

Die Demonstration zielte nicht nur auf Politik, sondern auch auf den GKV-Spitzenverband als Entscheider im Bewertungsausschuss. Am Sitz des Verbands in Berlin wurde ein Faktenblatt mit dem Fazit aufgehängt, die Honorarkürzung gefährde die Versorgung. Die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) warf dem GKV‑Spitzenverband vor, mit einer „Desinformationskampagne“ falsche Eindrücke zu verbreiten. Präsidentin Andrea Benecke kritisierte, die Berechnungen des GKV‑Verbandes berücksichtigten nur theoretische Musterpraxen und ignorierten die Realität der durchschnittlichen Honorare.

Politische Unterstützung für die Therapeut:innen

Verschiedene Politiker:innen signalisierten Unterstützung.

Niedersachsens Gesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) erklärte schriftlich, die Senkung der Honorare halte er für eine „absolute Fehlentscheidung“.

Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang befürchtet „schädliche“ Auswirkungen auf Kinder, Jugendliche, die Berufsgruppe und die Wirtschaft.

„Jeder Euro, der in psychische Gesundheit investiert wird, ist ein Euro, der sich später rechnet“, appellierte sie ans BMG.

Von der Union und der AfD gab es dazu bisher keine Stellungnahme.

Gegenargumente der Kassen

Der GKV‑Spitzenverband verteidigte die Entscheidung als demokratiegesicherter Mehrheitsbeschluss des Bewertungsausschusses. Die Begründung habe man ausführlich dargelegt. Der Verband der Ersatzkassen (vdek) forderte die Psychotherapeut:innen auf, „zu einer sachlichen Debatte zurückzukommen“. Man halte die Fokussierung auf die Honorarkürzung für „nicht sachgerecht“ und verwies auf finanzielle Herausforderungen der GKV. Die Versorgung solle bedarfsgerechter gestaltet werden, etwa durch stärkere Gruppentherapieangebote und bessere Terminvermittlung.

Was die Fakten zeigen:

Trotz eines Anstiegs der Zahl ambulant tätiger Therapeut:innen von rund 25.600 (2013) auf etwa 40.000 (2024) sehen die Verbände keine Entspannung der Situation. Betrachtet man Vollzeitäquivalente, liegt der Zuwachs von 2015 bis 2025 bei nur 8,7 Prozent. In vielen Praxen herrsche ein hoher Patientenandrang, lange Wartelisten seien Stand der Praxis. DPtV-Bundesvorsitzende Christina Jochim beschreibt Anrufe verzweifelter Menschen, die überall abgewiesen werden.

„Wer an Psychotherapie spart, spart an Menschen in Not – und dazu sagen wir Nein“, betont sie.

Symbolische Botschaften auf der Straße:

Die Protestierenden in Berlin trugen Rettungsdecken, um die Bedeutung der Psychotherapie als „Rettungsdecke“ für Betroffene zu verdeutlichen. Plakate mit Sprüchen wie „I am therapissed“ oder „Kürzt euch selbst“ unterstrichen die Wut auf die geplante Honorarkürzung. Die Demonstranten verweisen auf die steigende Nachfrage nach psychotherapeutischer Hilfe in Zeiten der „Multikrisen“ und warnen vor einer Verschärfung von Wartezeiten und Arbeitsbedingungen. Die Petition gegen die Kürzungen hat bereits rund 570.000 Unterschriften gesammelt.

Ausblick:

Die Proteste verdeutlichen, dass die Psychotherapie zunehmend als zentrale Säule der Versorgung wahrgenommen wird. Die Frage, ob die Politik auf die Demonstrationen reagiert und die Kürzung zurücknimmt, bleibt offen. Entscheidend werden nicht nur rechtliche und finanzielle Aspekte, sondern auch die Einschätzung des tatsächlichen Bedarfs an psychotherapeutischer Versorgung – besonders für Kinder, Jugendliche und besonders belastete Patient:innen.

Auch interessant: 5 Möglichkeiten, wenn der Therapieplatz auf sich warten lässt

Patientinnen und Patienten mit akuten Depressionen warten im Durchschnitt 14,5 Wochen auf einen Psychotherapieplatz – eine Zeit, die für viele äußerst belastend ist. Im Folgenden werden fünf Möglichkeiten aufgezeigt, was Betroffene tun können, wenn derzeit kein Therapieplatz verfügbar ist. Erfahren Sie mehr!

Quellen:

Deutsches Ärzteblatt (2026): Proteste gegen Kürzungen in der Psychotherapie in Berlin und weiteren Städten https://www.aerzteblatt.de/news/proteste-gegen-kurzungen-in-der-psychotherapie-in-berlin-und-weiteren-stadten-ac5411e5-e350-4d16-9e60-3113201eafb8 (abgerufen am 23.04.2026)

Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) https://www.dptv.de/ (abgerufen am 23.04.2026)

Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK): Stellungnahme zur geplanten Honorarkürzung. https://www.bptk.de/pressemitteilungen/absenkung-der-psychotherapeutischen-honorare-inakzeptabel/ (abgerufen am 23.04.2026)

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