Elektronische Patientenakte: Große Hoffnung, bittere Realität

Ein Arzt greift auf Inhalte der ePA zu (Symbolbild)

Die elektronische Patientenakte (ePA) sollte den Medizinbetrieb revolutionieren – doch vier Monate nach Einführung im Opt-out-Verfahren (ePA für Alle) zeigt sich: Versicherte und Praxen sind enttäuscht. Basierend auf aktuellen Umfragen fordern Expert:innen mehr Nutzen und Zuverlässigkeit.

Bekannt, aber ignoriert: Die Nutzerzahlen

94 Prozent der Befragten kennen die ePA, doch aktiv einrichten und verwenden tut sie weniger als jeder Fünfte. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) zieht daraus Konsequenzen und stoppt die Teilnahme am bundesweiten Rollout.

„Der Istzustand ist nicht zufriedenstellend“, urteilt Vorständin Ramona Pop. Die Politik müsse Bedürfnisse ernst nehmen, sonst bleiben Erwartungen unerfüllt.

​Versicherte sehen vielfältige Hürden. 75 Prozent haben sich noch gar nicht damit auseinandergesetzt. 33 Prozent erkennen keinen persönlichen Vorteil. Je 13 Prozent nennen Datenschutzbedenken oder Unsicherheiten bei der Datensicherheit als Bremsklotz. Zentrale Alltagsfeatures wie digitale Impf- oder Bonushefte fehlen weiterhin – die ePA wirkt fern vom Praxisalltag.

​Wünsche der Versicherten: Kontrolle und Mehrwert

Patient:innen fordern präzise Steuerungsmöglichkeiten: 68 Prozent wollen genau bestimmen, wer welche Daten einsehen darf.

„Versicherte müssen einstellen können, welche Praxis auf welche Infos zugreift“, betont Pop. Beispielsweise psychotherapeutische Befunde für die Hausarztpraxis, aber nicht für den Zahnarzt.

​Weitere Top-Wünsche:

  • Digitale Untersuchungshefte (66 Prozent)
  • Warnhinweise vor Medikamentenwechselwirkungen (64 Prozent)
  • Erinnerungen an fehlende Impfungen (64 Prozent)
  • Krankenkassen sollten zudem Registrierungsprozesse vereinfachen, technisch stabilisieren und mehr Aufklärung bieten. Nur so entsteht ein feingranulares Berechtigungsmanagement und ein alltagsnaher Nutzen.

Ärztliche Kritik: Komplizierte Anmeldung und Chaos

Ärzte teilen die Skepsis. „Die allerwenigsten Patientinnen und Patienten haben sich ihre ePA einmal angeschaut. Das liegt vor allem an dem absurd komplizierten Registrierungsprozess, der selbst digital affine Menschen irgendwann frustriert aufgeben lässt“, sagte Beier den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Akte selbst? „Eine unsortierte PDF-Sammlung“, mit der Praxen wenig anfangen können.

Ohne Volltextsuche müssen Ärzt:innen mühsam durch Dokumente blättern. Zeitfressende Störungen und Ausfälle sorgen für Frust. Die ePA ist noch nicht alltagstauglich – weder für Versicherte noch für Behandler:innen.

Wenn Technik enttäuscht

Trotz Kritik greifen viele Praxen zur ePA: Rund drei Viertel der ärztlichen und psychotherapeutischen Einrichtungen haben bereits Arztbriefe, Befundberichte oder andere Unterlagen eingesehen und in Behandlungen integriert. Fast 80 Prozent finden die elektronische Medikationsliste hilfreich oder teilweise nützlich – das einzige verfügbare Modul bisher.

​Internationale Erfahrungen zeigen: Digitale Akten brauchen Jahre für volle Integration. Dennoch bleiben technische Hürden massiv: 60 Prozent der rund 4.500 Befragten (Haus- und Fachärzt:innen sowie Psychotherapeut:innen) konnten kürzlich nicht auf Patientendaten zugreifen. 53 Prozent melden sehr langsamen Zugriff, über ein Drittel Probleme beim Hochladen von Dokumenten. Bei 27 Prozent stürzte das Praxisverwaltungssystem (PVS) seit Start mindestens einmal ab.

Ausblick: Aufruf zur Verbesserung

„Praxen, die mit ihrem ePA-Modul zufrieden sind, weil es einfach und nutzerfreundlich zu bedienen ist, bewerten den Nutzen der ePA deutlich höher“, betonte Sibylle Steiner, Vorstandsmitglied der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Sie appellierte an die Hersteller, das Feedback der Praxen aufzugreifen und ihre Produkte, wenn nötig, nachzubessern. ​

Die ePA birgt Potenzial für bessere Versorgung – doch nur mit adressierten Mängeln. Verbraucher:innen, Ärzt:innen und Kassen müssen zusammenarbeiten, um Datenschutz, Funktionalität und Technik auf Vordermann zu bringen. Bislang dominiert Frust über Fortschritt.

Quellen:
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