Chronische Schmerzen: Schlaf und Versorgung gemeinsam verbessern

Eine junge Frau mit geschlossenen Augen presst sich die rechte Hand vors Gesicht

Chronische Schmerzen erfordern eine Behandlung, die Schlaf, körperliche Beschwerden und psychische Belastungen zusammen berücksichtigt. Auf einer Pressekonferenz vor dem Deutschen Schmerzkongress in Mannheim thematisierten Fachleute neue Therapieansätze und Lücken in der Versorgung. Der Kongress findet vom 21. bis 24. Oktober statt; erwartet werden etwa 1.800 Teilnehmende.

Kongresspräsidentin Irmela Gnass von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg unterstrich die gesellschaftliche Tragweite:

„Chronische Schmerzen ebenso wie Schlafstörungen sind weit verbreitet und stehen in einem komplexen Wechselverhältnis – und sie verursachen nicht nur bei einzelnen Betroffenen großes Leid, sondern auch große volkswirtschaftliche Folgekosten“.

Schlafstörungen als Teil der Schmerzbehandlung

Zwischen 60 % und 95 % der Menschen mit chronischen Schmerzen leiden je nach Studie unter Ein- und Durchschlafstörungen, erläuterte Anke Diezemann-Prößdorf vom Deutschen Schmerz-Zentrum Mainz. Schmerz und Schlaf beeinflussen sich wechselseitig.

Bei Depressionen oder Endometriose können beispielsweise eine fehlende bequeme Schlafposition oder tagsüber notwendige Schonung die Nachtruhe erschweren. Hinzu kommen mitunter Sorgen um den Arbeitsplatz bei krankheitsbedingten Ausfällen.

„Die Betroffenen kommen oft in eine Katastrophisierung“, schilderte Diezemann-Prößdorf.

Bei chronischer Insomnie, also anhaltenden Schlafstörungen, ist die kognitive Verhaltenstherapie die Behandlung erster Wahl – auch bei chronischen Schmerzen. Unterstützend kommen infrage:

  • regelmäßige Aufstehzeiten und Bewegung;
  • ein ruhiges Abendritual;
  • ein kühles, ruhiges Schlafzimmer;
  • je nach Schmerzursache Wärme, Entspannungstechniken oder Dehnübungen.

Noziplastische Schmerzen und Post COVID gemeinsam betrachten

Noziplastische Schmerzen beruhen auf veränderter Schmerzwahrnehmung ohne ausreichenden Nachweis einer Gewebe- oder Nervenschädigung. Neurologin Livia Sophie Lang von der Klinik und Poliklinik für Neurologie der Universitätsmedizin Mainz beschrieb sie als Muskelkater am ganzen Körper ohne vorherigen Sport. Sie treten etwa bei Rheuma oder Fibromyalgie auf und betreffen ca. 2 % bis 4 % der Bevölkerung.

„Extreme Müdigkeit gehört oft ebenfalls dazu“, ergänzte Lang.

Ähnliche Symptome zeigen sich bei Long oder Post COVID; psychische Faktoren und körperliche Belastung lassen sich dabei kaum trennen. Trotz vieler Debatten in Presse und Social Media fehle der interdisziplinäre Austausch; erforderlich sei „ein gemeinsames Konzept, damit Patientinnen und Patienten nicht von A nach B geschickt werden“.

Noch vor wenigen Jahren wurden überwiegend psychische Ursachen angenommen. Goebel et al. zeigten 2021 für Fibromyalgie jedoch, dass zumindest ein Teil der Schmerzen immunologisch vermittelt wird (DOI: 10.1172/JCI144201).

Migräne: Mehr Therapieoptionen bedeuten noch keine Heilung

Migräne betrifft in Deutschland durchschnittlich jeden 10. Mann und jede 5. Frau.

Ausprägung reicht bis zu Schmerzattacken an jedem 2. Tag, erläuterte Robert Fleischmann von der Universitätsmedizin Greifswald.

„Kopfschmerzen werden zu häufig als Bagatelle abgetan. Wirksame Therapien können Lebensqualität wiederherstellen und erhalten“, betonte er. Dennoch bleiben Grenzen: „Auch moderne Therapien helfen nicht allen Betroffenen ausreichend. Eine Halbierung der Migränetage ist ein wichtiger Erfolg, bedeutet aber keine Heilung.“

Therapieansatz Entwicklungsstand
Antikörper und Small Molecules Beispiele moderner Migränetherapien
PACAP-Antikörper Bocunebart Phase-3-Studie geplant

PACAP steht für Pituitary Adenylate Cyclase-Activating Polypeptide. Der Botenstoff im Nervensystem wirkt unabhängig von CGRP, dem Calcitonin Gene-Related Peptide.

Strukturierte Versorgung und digitale Unterstützung

Eine wirksamere Behandlung setzt rechtzeitig erreichbare Versorgungsangebote voraus. Fleischmann forderte:

„Von der Hausarztpraxis über die Facharztpraxis bis zum Zentrum muss die nächste Versorgungsstufe rechtzeitig erreichbar sein, damit eine wirksamere Behandlung möglich wird“.

Ruth Ruscheweyh vom LMU Klinikum München verwies darauf, dass viele Betroffene keine leitliniengerechte Akuttherapie oder Prophylaxe erhalten. Das Innovationsfondsprojekt MIGRA-MD erprobt deshalb strukturierte Versorgung mit digitaler Dokumentation, Schulung und fachärztlicher Vernetzung.

Sie unterstrich: „Fachärztliche Termine sind begrenzt und sollten optimal genutzt werden.“

Zur Vorbereitung eines Termins sollten Patient:innen:

  1. Einen aktuellen Kopfschmerzkalender führen.
  2. Bisherige Therapieversuche vollständig dokumentieren.
  3. Begleiterkrankungen vollständig erfassen.

Diese Unterlagen helfen, die begrenzte Zeit beim fachärztlichen Termin gezielt zu nutzen.

Ausblick: Therapien gezielter auswählen und Versorgung vernetzen

Künftig könnten Biomarker helfen, die passende Migränetherapie für einzelne Patient:innen auszuwählen. Fleischmann nannte Blut und Tränenflüssigkeit als mögliche Untersuchungsmaterialien und erwartete erste entsprechende Studien in 5 Jahren.

„Der Instrumentenkasten wird größer“, erläuterte er.

Virtual Reality (VR) könnte Bewegungstherapie, Psychoedukation und Entspannungsverfahren ergänzen.

Stefan Lindner vom Universitätsklinikum Würzburg ordnete ein: „VR ist eine vielversprechende Ergänzung zur Schmerztherapie, keine Wunderwaffe und kein Ersatz für eine medizinische Abklärung“.

Neben Innovationen bleibt eine abgestimmte Versorgung entscheidend. Vor kurzfristigen Einsparungen warnte Gnass: „Was wir heute einsparen, kann uns in Zukunft volkswirtschaftlich, etwa durch krankheitsbedingte Ausfallzeiten, umso teurer zu stehen kommen.“

FAQ

Wie hängen chronische Schmerzen und Schlafstörungen zusammen?

Schmerzen und Schlafstörungen können sich gegenseitig verstärken. Zwischen 60 % und 95 % der Menschen mit chronischen Schmerzen leiden je nach Studie unter Ein- und Durchschlafproblemen. Auch Schonverhalten und Sorgen können den Kreislauf aufrechterhalten.

Welche Behandlung hilft bei chronischer Insomnie?

Die kognitive Verhaltenstherapie ist die Behandlung erster Wahl, auch bei Patient:innen mit chronischen Schmerzen. Regelmäßige Aufstehzeiten, Bewegung und ein ruhiges Abendritual können sie unterstützen. Wärme oder Dehnübungen kommen abhängig von der Schmerzursache infrage.

Was kennzeichnet noziplastische Schmerzen?

Noziplastische Schmerzen sind durch veränderte Schmerzwahrnehmung ohne ausreichenden Nachweis einer Gewebe- oder Nervenschädigung gekennzeichnet. Betroffene beschreiben sie häufig wie Muskelkater am ganzen Körper ohne vorausgegangenen Sport. Extreme Müdigkeit kann hinzukommen.

Welche Rolle könnten Biomarker bei Migräne spielen?

Biomarker könnten künftig anzeigen, welche Therapie für welche Patient:innen am besten geeignet ist. Als mögliche Untersuchungsmaterialien wurden Blut und Tränenflüssigkeit genannt. Erste Studien erwartete Fleischmann in 5 Jahren.

Wie kann Virtual Reality die Schmerztherapie unterstützen?

Virtual Reality kann möglicherweise Bewegungstherapie, Psychoedukation und Entspannungsverfahren ergänzen. Sie ersetzt weder die medizinische Abklärung noch die übrige Behandlung.

Quellen:
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