Mehrheit der Krebsfälle vermeidbar: Prävention als Gamechanger
Globale Krebslast: Verhindern statt behandeln
Knapp 4 von 10 Krebsneuerkrankungen weltweit ließen sich durch Vermeidung modifizierbarer Risikofaktoren abwenden. Dieses Ergebnis präsentiert eine Forschungsgruppe der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Nature Medicine (2026; DOI: 10.1038/s41591-026-04219-7). Im Jahr 2022 waren von 18,7 Millionen neuen Krebsfällen rund 7,1 Millionen (37,8 Prozent) auf 30 veränderbare Faktoren zurückzuführen.
Die Analyse von Hanna Fink und KollegInnen basiert auf Inzidenzdaten von 36 Krebsarten in 185 Ländern aus dem Jahr 2022, kombiniert mit Expositionsdaten von etwa zehn Jahren zuvor. Berücksichtigt wurden Interaktionen zwischen Faktoren wie Tabakkonsum, Alkohol, hohem Body-Mass-Index (BMI), Bewegungsmangel, Luftverschmutzung, UV-Strahlung sowie – erstmals – neun krebserregenden Infektionen.
Dominante Risikofaktoren: Tabak, Infektionen, Alkohol
Zu den maßgeblichen Ursachen zählten Tabakkonsum, Infektionen und Alkoholkonsum. Drei Krebsarten – Lungen-, Magen- und Gebärmutterhalskrebs – machten fast die Hälfte aller vermeidbaren Fälle bei Männern und Frauen aus.
Fast 4 von 10 Krebsfällen weltweit im Jahr 2022 hätten durch die Beseitigung der in dieser Studie berücksichtigten Risikofaktoren verhindert werden können, fassen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen.
Das Lungenkarzinom stand primär mit Rauchen und Luftverschmutzung in Verbindung, Magenkarzinom vor allem mit Helicobacter pylori-Infektionen und Gebärmutterhalskarzinom überwiegend mit humanem Papillomavirus (HPV).
„Dies ist die erste globale Analyse, die zeigt, wie hoch das Krebsrisiko aufgrund von Ursachen ist, die wir verhindern können“, erläutert André Ilbawi, Leiter des WHO-Teams für Krebsbekämpfung und Mitautor.
Geschlechtsspezifische Unterschiede: Männer stärker betroffen
Der Anteil vermeidbarer Krebsfälle lag bei Männern bei 45,4 Prozent, bei Frauen bei 29,7 Prozent. Bei Männern dominierten rauchbedingte Erkrankungen; weltweit war Tabakkonsum mit 23,1 Prozent aller Krebsfälle der stärkste einzelne Faktor. In Ostasien erreichte die vermeidbare Belastung bei Männern 57,2 Prozent, in Lateinamerika und der Karibik lag sie bei 28,1 Prozent.
Frauen litten hingegen stärker unter Infektionen: HPV und Helicobacter pylori waren mit 11,5 Prozent aller Krebsfälle assoziiert. In Subsahara-Afrika betrug der vermeidbare Anteil bei Frauen 38,2 Prozent, in Nordafrika und Westasien nur 24,6 Prozent. In Hochlohnländern verschob sich das Profil bei Frauen zu Lebensstilfaktoren wie Rauchen, hohem BMI und Inaktivität.
Regionale Hotspots: Infektionen in Afrika und Asien
Besonders alarmierend: In Subsahara-Afrika und Südasien persistieren infektiöse Krebsursachen.
„Die eindeutige Persistenz infektiöser Ursachen für Krebserkrankungen in Subsahara-Afrika und Südasien unterstreicht einmal mehr die Bedeutung der Infektionskontrolle für die langfristige Krebsbekämpfung“, betonen die Autorinnen und Autoren.
Die Studie fordert geschlechts- und regionsspezifische Prävention: Tabakkontrolle bei Männern, Infektionsprävention bei Frauen in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Datenlücken in diesen Regionen machen die Schätzungen jedoch zu Annäherungen; bessere Krebsüberwachung ist essenziell.
Europäischer Kodex gegen Krebs: 14 Präventionsregeln
Parallel veröffentlichte die IARC zur 5. Auflage des Europäischen Kodex gegen Krebs (The Lancet Regional Health, 2026; DOI: 10.1016/j.lanepe.2026.101592) – passend zum Weltkrebstag am 4. Februar. Der Kodex umfasst 14 evidenzbasierte Empfehlungen zur Risikoreduktion.
Dazu gehören Tabakverzicht (inklusive Passivrauch, E-Zigaretten und Vapes), vollständiger Alkoholverzicht, Solarienvermeidung, UV-Schutz, Ernährung mit viel Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchten und Obst sowie Minimierung von rotem und verarbeitetem Fleisch. Für Frauen Stillen zur Brustkrebsprävention und Hormonersatztherapie nur kurz und ärztlich abgestimmt.
Politische Maßnahmen gefordert
Der Kodex spricht auch Entscheidungsträger an: Höhere Steuern auf Tabak, Nikotinprodukte, Alkohol, zuckerreiche Lebensmittel und stark verarbeitetes Fleisch sollen gesunden Alltag erleichtern. Weitere Forderungen umfassen Informationskampagnen zur Gesundheitskompetenz, Ausbau von Impfprogrammen gegen Hepatitis B und HPV, besseren Arbeitsschutz (z. B. für Outdoor- und Chemikalienarbeiter) sowie Stadtplanung für saubere Luft.
Fazit: Nachhaltige Investitionen lohnen
Letztendlich untermauern die Ergebnisse die Forderung nach einer wirksamen Krebsprävention, die ein nachhaltiges politisches Engagement und Investitionen erfordert, die auf die spezifischen Risikoprofile der Bevölkerung weltweit zugeschnitten sind.
Isabelle Soerjomataram, stellvertretende Leiterin der IARC-Krebsüberwachung und leitende Autorin, fasst zusammen: „Diese bahnbrechende Studie ist eine umfassende Bewertung von weltweit vermeidbaren Krebserkrankungen, in der erstmals infektiöse Ursachen von Krebs neben Verhaltens-, Umwelt- und Berufsrisiken berücksichtigt wurden. Die Bekämpfung dieser vermeidbaren Ursachen ist eine der wirksamsten Möglichkeiten, die globale Krebsbelastung zu verringern."
Quellen:
- Espina, C. et al. (2026): European Code Against Cancer 5th edition: 14 ways you can help prevent cancer. The Lancet Regional Health. DOI: 10.1016/j.lanepe.2026.101592
- Fink, H. et al. (2026): Global and regional cancer burden attributable to modifiable risk factors to inform prevention. Nature Medicine. DOI: 10.1038/s41591-026-04219-7
- Deutsches Ärzteblatt (2026): Rauchen, Infektionen, Alkohol: Fast 40 Prozent aller Krebsfälle vermeidbar. https://www.aerzteblatt.de/search/result/ae700665-4405-4ce1-a9ef-7f9d4ef46433?q=umwelt (abgerufen am 18.02.2026)
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