Ärztliche Verantwortung für ein nachhaltiges Gesundheitswesen

Der Planet Erde wird medizinisch untersucht (Symbolbild)

Die Zentrale Ethikkommission (ZEKO) bei der Bundesärztekammer (BÄK) hat in Berlin ihre Stellungnahme „Planetary Health und ärztliche Verantwortung“ vorgestellt. Darin hält sie fest, dass der Schutz der ökologischen Voraussetzungen von Gesundheit ausdrücklich Teil ärztlicher Berufspflichten ist. Die Stellungnahme richtet sich nicht nur an Ärztinnen und Ärzte, sondern ebenso an die Politik. Trotz eines ausgeprägten Problembewusstseins in der Ärzteschaft sei das vorhandene Handlungspotenzial im Alltag noch nicht ausgeschöpft, heißt es in dem Papier. Viele kleine, fachlich begründete Entscheidungen könnten gemeinsam sichtbare Effekte für Umwelt- und Gesundheitsschutz entfalten.

Planetary Health definiert

Das Konzept der planetaren Gesundheit beschreibt die Zusammenhänge zwischen menschlicher Gesundheit und den verschiedenen Ökosystemen, in denen Menschen leben. Es nimmt damit Klima, Biodiversität, Luftqualität und andere Umweltfaktoren als zentrale Determinanten von Gesundheit in den Blick.

Ein prominentes Beispiel ist die sogenannte planetary health diet: eine überwiegend pflanzenbasierte Ernährungsweise, die sowohl gesundheitlich günstig sein soll als auch die Umwelt entlastet. Die ZEKO verortet solche Ansätze ausdrücklich im Handlungsfeld der Medizin.

Lanzerath verweist darauf, dass der Hintergrund der Stellungnahme nicht nur der Klimawandel ist. Als oft vernachlässigtes Thema nennt er den Verlust von Biodiversität. Durch das Verschwinden von Arten könnten mögliche therapeutische Optionen verloren gehen, die noch gar nicht bekannt sind. Damit erhält Biodiversität aus ärztlicher Sicht eine unmittelbare Relevanz für künftige diagnostische und therapeutische Möglichkeiten.

Kein Zusatzthema: Planetary Health als Kern der Medizin

ZEKO-Vorsitzende Eva Winkler betont, dass das Wohl von Patientinnen und Patienten weiterhin vorrangig bleibt. Planetary Health solle daher nicht als zusätzliche Belastung verstanden werden, sondern als ursprünglich ärztliches Kernthema – ein Bereich, der so essenziell die Grundlagen von Gesundheit betrifft, dass er zum Kern der Medizin gehört.

Ziel sei es, Planetary Health selbstverständlich mitzudenken, erläutert das federführende ZEKO-Mitglied Dirk Lanzerath. Wenn Patientinnen und Patienten in diese Perspektive einbezogen werden, könnten sie zu einem Kulturwandel im Gesundheitswesen beitragen.

Patientengespräche gezielt nutzen

Die Stellungnahme benennt konkrete Bereiche, in denen Ärztinnen und Ärzte Einfluss auf die Belastung natürlicher Lebensgrundlagen nehmen können. Zentrale Felder, in denen Gesundheitsförderung und Klimaschutz von den gleichen Maßnahmen profitieren, sind Mobilität, Bewegung und Ernährung. Als Beispiele werden Radfahren statt Autofahren und ein geringerer Fleischkonsum genannt. Klimaschutzaspekte lassen sich nach Auffassung der Kommission sinnvoll mit Empfehlungen zu gesunder Lebensführung verbinden.

Aus seiner Erfahrung berichtet BÄK-Präsident Klaus Reinhardt von einer grundsätzlichen Offenheit der Patientinnen und Patienten für das Thema. Entscheidend sei jedoch die Art der Vermittlung. Es dürfe keinesfalls der Eindruck entstehen, dass notwendige Behandlungen aus Klimaschutzgründen unterbleiben.

Grüne Praxen und Kliniken

Die ZEKO verweist auf zunehmende Auswirkungen klimatischer Veränderungen auf Gesundheit und Versorgung: Hitzewellen, häufigere Allergien, verschmutzte Luft und psychische Belastungen seien längst Teil der medizinischen Praxis in Deutschland. Gleichzeitig trage das Gesundheitssystem selbst wesentlich zu Treibhausgasemissionen bei. Damit werde aus dem Gesundheitssektor sowohl eine  betroffene als auch eine mitverursachende Komponente ökologischer Krisen.

Neben individuellen Entscheidungen hebt die ZEKO das strukturelle Potenzial von Krankenhäusern und Praxen hervor. Diese könnten als „grüne Krankenhäuser“ und „grüne Praxen“ so gestaltet werden, dass sie sowohl der Gesundheit als auch der Umwelt zugutekommen. Auch wenn Ärztinnen und Ärzte in Kliniken häufig nicht allein entscheiden, sollen sie sich bei Planungsprozessen für umweltfreundliche Ziele einsetzen, ökologische und nachhaltige Betriebsmodelle priorisieren und so zu einem umweltfreundlichen Arbeits- und Behandlungsort beitragen.

Gleichzeitig gilt: Wenn zu Arzneimitteln gleichwertige, aber nachhaltigere Optionen zur Verfügung stehen, sollten Ärztinnen und Ärzte auf diese Alternativen hinweisen. So könne Klimaschutz ohne Qualitätsverlust in die Versorgung integriert werden.

Ausblick: Transformation jetzt beginnen

Die ZEKO-Stellungnahme markiert einen Meilenstein: Planetary Health wird als unverzichtbarer Bestandteil ärztlicher Ethik positioniert. Ärztinnen und Ärzte stehen vor der Aufgabe, durch konkrete Maßnahmen im Alltag – von nachhaltigen Empfehlungen bis hin zu „grünen Praxen“ – aktiv zur Transformation des Gesundheitswesens beizutragen.

Mit dem Ziel der Klimaneutralität bis 2030 und Initiativen wie dem Hitzeaktionstag zeigt die BÄK konkrete Wege auf. Der Appell ist klar: Wer heute investiert, schützt nicht nur die Umwelt, sondern auch die Gesundheitsgrundlagen von morgen – und vermeidet damit höhere Kosten und Risiken für Patientinnen und Patienten.

Quellen:
Auch interessant:
Bild zum Artikel„Neue Leitlinie für Laserbehandlungen der Haut“

Seit März 2022 gibt es erstmals eine S2k-Leitlinie zur Lasertherapie der Haut. Sie strukturiert den klinischen Einsatz verschiedener Lasersysteme, definiert Empfehlungen zur Nachbehandlung und legt besonderen Wert auf Sicherheit und Wirksamkeit.

Bild zum Artikel„Vitiligo: Mehr als nur weiße Flecken“

Vitiligo ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung. Betroffene leiden oft unter sozialer Stigmatisierung und psychischen Belastungen. Neue Therapien zeigen vielversprechende Erfolge bei der Repigmentierung – diese Entwicklungen machen Hoffnung für Betroffene weltweit.

Bild zum Artikel„Am Rand des Zusammenbruchs: Warum unser Gesundheitssystem seine Ärzt:innen krank macht“

Ärztinnen und Ärzte arbeiten oft am Limit: Mehr als 50 Wochenstunden, hohe psychische Belastungen und administrative Aufgaben führen bei vielen zu Burnout und Depression. Eine alarmierende Entwicklung mit weitreichenden Folgen.

Navigation Schließen Suche E-Mail Telefon Kontakt Pfeil nach unten Pfeil nach oben Pfeil nach links Pfeil nach rechts Standort Download Externer Link Startseite