Depressionen in der Schwangerschaft: Förderbedarf im Blick

Eine schwangere Frau vor blauem Hintergrund hält die rechte Hand vor die Augen.

Depressionen während der Schwangerschaft sind mit einem erhöhten sonderpädagogischen Förderbedarf der Kinder verbunden. Eine bevölkerungsbasierte Kohortenstudie (DOI: 10.1371/journal.pmed.1004658) aus Wales zeigt diesen Zusammenhang sowohl bei unbehandelter Depression als auch bei einer Behandlung mit Antidepressiva. Ob die Medikamente selbst oder eine schwerere Erkrankung zu den Unterschieden beitragen, lässt sich anhand der Daten nicht entscheiden.

Sonderpädagogischer Förderbedarf wird in der Untersuchung als SEN bezeichnet, die Abkürzung für „Special Educational Need“. Erfasst wurden Förderbedarf jeglicher Ursache sowie ursachenspezifische Kategorien, darunter Autismus-Spektrumstörungen und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen.

Kohortenstudie verknüpft Gesundheits- und Bildungsdaten

Die Untersuchung umfasst 167.447 Kinder, die zwischen 2009 und 2016 in Wales geboren und bis 2022 nachverfolgt wurden. Das Team um Saraid McIlvride von der Universität Glasgow verknüpfte Gesundheitsdaten der Mütter mit langfristigen Bildungsergebnissen ihrer Kinder.

Als Antidepressiva-Exposition erfasste es mindestens eine Verordnung während der Schwangerschaft oder bis zu einen Monat vor der Empfängnis. Berücksichtigt wurden außerdem Depressionsdiagnosen, die innerhalb der 2 Jahre vor der Entbindung dokumentiert waren.

Die Kinder verteilten sich auf folgende Expositionsgruppen:

  • 12.630 Kinder beziehungsweise 7,6 %: unbehandelte mütterliche Depression;
  • 7.005 Kinder beziehungsweise 4,2 %: behandelte mütterliche Depression;
  • 5.996 Kinder beziehungsweise 3,6 %: Antidepressivaverordnung ohne dokumentierte Depressionsdiagnose.

Eine fehlende dokumentierte Diagnose ist dabei nicht gleichbedeutend mit dem sicheren Ausschluss einer Depression.

Förderbedarf: Absolute Wahrscheinlichkeiten unterscheiden sich

Die vorhergesagte Wahrscheinlichkeit für Förderbedarf war bei mütterlicher Depression und bei Antidepressivaverordnung erhöht. Um beide Faktoren differenzierter zu betrachten, berechnete das Team die Wahrscheinlichkeiten für ihre jeweiligen Kombinationen.

Mütterliche Situation Vorhergesagte SEN-Fälle pro 100 Kinder
Weder Depression noch Antidepressiva 20,0
Depression ohne Antidepressiva 23,6
Depression mit Antidepressiva 26,5
Antidepressiva ohne dokumentierte Depression 26,3

Zwischen behandelter und unbehandelter Depression lagen statistisch signifikant 2,9 zusätzliche Fälle pro 100 Kinder. Bei Antidepressivaverordnung ohne dokumentierte Depression betrug der Unterschied gegenüber der Gruppe ohne beide Expositionen 6,3 Fälle pro 100 Kinder.

Diese Werte beschreiben vorhergesagte Wahrscheinlichkeiten. Sie zeigen Unterschiede zwischen Gruppen, belegen aber nicht, wodurch diese verursacht wurden.

Zusammenhänge zeigen sich auch bei Autismus und ADHS

Sowohl mütterliche Depression als auch Antidepressiva-Exposition waren statistisch mit Förderbedarf assoziiert. Für Depression betrug die adjustierte Odds Ratio (aOR) 1,25 bei einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,20 bis 1,31. Für Antidepressiva lag sie bei 1,46 mit einem Konfidenzintervall von 1,38 bis 1,56.

Auch bei einzelnen Entwicklungsstörungen fanden sich Zusammenhänge mit Antidepressiva:

  • Autismus-Spektrumstörungen (ASS): aOR 1,59; 95-%-Konfidenzintervall 1,31 bis 1,92;
  • ADHS: adjustierte Hazard Ratio (aHR) 1,89; 95-%-Konfidenzintervall 1,57 bis 2,27.

Die Ergebnisse stehen in einem uneinheitlichen Forschungsfeld. Frühere Studien zu langfristigen Folgen einer pränatalen, also vorgeburtlichen, Antidepressiva-Exposition berichteten teils erhöhte Risiken für ASS und ADHS, teils fanden sie diese Zusammenhänge nicht. Auch die neuen Assoziationen belegen keine Verursachung durch Medikamente.

Erkrankungsschwere erschwert den Vergleich der Wirkstoffklassen

Die untersuchten Antidepressivaklassen unterschieden sich insgesamt nicht deutlich im SEN-Risiko. Bei trizyklischen Antidepressiva (TZA) und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmern (SNRI) zeigte sich jedoch jeweils ein signifikanter absoluter Unterschied von 8,8 Prozentpunkten zwischen behandelter und unbehandelter Depression.

Beide Wirkstoffgruppen werden nach Einordnung des Forschungsteams meist bei schwereren oder therapieresistenten Depressionen eingesetzt. Die Unterschiede könnten deshalb tatsächliche Risiken einzelner Wirkstoffe oder Klassen widerspiegeln – ebenso aber Unterschiede in der zugrunde liegenden Erkrankungsschwere.

Das gilt auch für die insgesamt etwas stärkere Assoziation bei behandelter gegenüber unbehandelter Depression. Eine Medikamentenverordnung kann auf eine schwerere Erkrankung hinweisen. Die Daten erlauben keine eindeutige Trennung dieser möglichen Erklärungen.

Ausblick: Medikamenteneffekte und Erkrankung besser auseinanderhalten

Weitere Forschung muss klären, welchen Anteil Medikamente und Erkrankungsschwere an den beobachteten Zusammenhängen haben. Die Studie zeigt, dass ein erhöhter Förderbedarf nicht allein durch Antidepressiva erklärt werden kann. Zugleich lässt sie einen zusätzlichen medikamentenbezogenen Einfluss offen.

Diese Unterscheidung ist angesichts der Bedeutung mütterlicher psychischer Gesundheit wesentlich: Weltweit sind rund 17 % der Schwangeren von Depressionen betroffen. Psychische Erkrankungen treten unter Schwangeren zunehmend auf und sind in Ländern mit hohem Einkommen die häufigste mütterliche Todesursache im ersten Jahr nach der Geburt. Insgesamt zählen sie zu den führenden Ursachen mütterlicher Mortalität.

FAQ: Häufige Fragen

Was zeigt die Studie zu Depressionen in der Schwangerschaft?

Eine mütterliche Depression war mit häufigerem sonderpädagogischem Förderbedarf verbunden. Die vorhergesagte Wahrscheinlichkeit stieg von 20,0 Fällen pro 100 Kinder ohne beide Expositionen auf 23,6 bei unbehandelter Depression. Bei behandelter Depression lag sie bei 26,5.

Warum lässt sich kein eindeutiger Medikamenteneffekt ableiten?

Die Daten unterscheiden nicht ausreichend zwischen dem Einfluss der Behandlung und dem Schweregrad der Depression. Behandelte Frauen könnten schwerer erkrankt gewesen sein als unbehandelte. Beide Erklärungen kommen deshalb für die beobachteten Unterschiede infrage.

Welche Bedeutung haben die Ergebnisse zu TZA und SNRI?

Bei beiden Wirkstoffgruppen lag der absolute Unterschied zwischen behandelter und unbehandelter Depression bei 8,8 Prozentpunkten. TZA und SNRI werden häufig bei schwereren oder therapieresistenten Verläufen eingesetzt. Deshalb bleibt auch hier offen, ob Medikamente, Erkrankungsschwere oder beide Faktoren den Unterschied erklären.

Was bedeutet eine Verordnung ohne dokumentierte Depressionsdiagnose?

Diese Gruppe umfasst Kinder, deren Müttern Antidepressiva verordnet wurden, ohne dass eine entsprechende Depressionsdiagnose erfasst war. Die vorhergesagte SEN-Wahrscheinlichkeit betrug 26,3 Fälle pro 100 Kinder. Daraus folgt nicht, dass bei den Müttern sicher keine Depression vorlag.

Quellen:
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