Risiko: Dauerhafte sexuelle Störungen nach Antidepressiva

Ein Mann hält sich das Gesicht mit beiden Händen, während er auf der Bettkante sitzt. Seine Partnerin versucht ihm dahinter Trost zuzusprechen.
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Eine kürzlich publizierte Übersichtsarbeit beleuchtet die Herausforderungen persistierender sexueller Störungen nach serotonergen Medikamenten und betont die Notwendigkeit besserer Aufklärung in der Therapie. Dieser Artikel fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und richtet sich an Fachkräfte sowie Betroffene, die tiefer in das Thema eintauchen möchten.

Plötzliche Flaute mit Langzeitfolgen

Sexuelle Beeinträchtigungen treten bei der Einnahme von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) oft schon früh auf. Eine Untersuchung von Healy und Kolleg:innen aus dem Jahr 2020 zeigt, dass fast alle Patient:innen eine reduzierte Empfindung im Genitalbereich erleben. Bleiben diese Probleme nach dem Therapieende bestehen, oder lösen sich nicht vollständig, handelt es sich um post-SSRI sexuelle Dysfunktion (PSSD). Solche Beschwerden können monate- oder jahrelang anhalten, manchmal sogar dauerhaft. Betroffen sind nicht nur SSRI, sondern auch SNRI, ausgewählte trizyklische Antidepressiva sowie Analgetika wie Tramadol.

Dunkelziffer der Betroffenen

Die Häufigkeit von PSSD ist derzeit unbekannt, da Betroffene nach Therapieende selten systematisch nachverfolgt werden. Klinische Studien erfassen routinemäßig keine langfristigen sexuellen Nebenwirkungen, was Lücken in der Datenlage schafft. Erste Hinweise liefern isolierte Untersuchungen: In einer Studie mit 111 Teilnehmer:innen wiesen nach einem Wechsel von SSRI zu Amineptin immer noch 55 Prozent sexuelle Störungen auf – sechs Monate später –, im Vergleich zu nur 4 Prozent bei reiner Amineptin-Therapie. Ähnlich zeigten drei Studien zur Behandlung von vorzeitigem Samenerguss mit SSRI anhaltende Verzögerungen der Ejakulation bei vielen Patient:innen nach drei bis sechs Monaten. Amineptin, ein Dopamin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, war in Deutschland nie zugelassen.

Vielfältige Symptome ohne Altersgrenze

PSSD tritt bei Menschen aller Altersgruppen, Geschlechter und ethnischer Herkünfte auf. Typische Anzeichen umfassen eine abgeschwächte genitale Sensibilität mit Taubheitsgefühl, gesunkene Libido, erektile Probleme, schwache Höhepunkte, vorzeitigen Samenerguss, Lubrikationsschwierigkeiten sowie unempfindliche Brustwarzen. Diese Manifestationen können Tage oder Wochen nach Therapiebeginn starten und halten auch nach Absetzen an – selbst eine einzelne Dosis kann sie auslösen. Ob das Medikament abrupt oder schrittweise reduziert wird, spielt dabei keine Rolle.

Diagnose: Strenge Kriterien notwendig

Zur Abgrenzung von PSSD müssen somatische oder erotische Empfindungen im Genitalbereich nach SSRI- oder SNRI-Therapie dauerhaft beeinträchtigt sein. Weitere Voraussetzungen: Die Störungen wie Libidoverlust, Erektions- oder Ejakulationsprobleme sowie schwache Orgasmen bestehen mindestens drei Monate nach Therapieende. Vorherige Beschwerden schließen die Diagnose aus, ebenso aktuelle Erkrankungen, Medikamente oder Substanzen als Ursache. Häufig übersehen Betroffene genital spezifische Veränderungen aufgrund allgemeiner Libidoreduktion; zusätzlich tritt oft eine emotionale Abstumpfung auf.

Offene Gespräche als Schlüssel

Vor jeder Antidepressiva-Therapie sollten sexuelle Funktionen gründlich dokumentiert werden, mit laufender Nachverfolgung während und nach der Behandlung. Validierte Instrumente wie die Arizona Sexual Experience Scale (ASEX) erleichtern die Objektivierung. Bei 1.400 SSRI-Patient:innen sprachen nur 20 Prozent spontan sexuelle Probleme an; mit Fragebogen stieg der Wert auf 60 Prozent.

Behandlungsdefizit und Alternativen

Bisher fehlt eine etablierte Therapie für PSSD, trotz Ansätzen mit Buspiron, Mirtazapin oder Phosphodiesterase-5-Hemmern. Aufklärung über mögliche bleibende Einschränkungen ist essenziell. Weniger risikoreiche Optionen bieten Moclobemid, Agomelatin oder Bupropion. Bei leichter bis mittelschwerer Depression eignet sich hochdosierter Johanniskraut-Extrakt wie Laif® 900, der nicht mit sexuellen Störungen, Sedierung oder Gewichtszunahme assoziiert wird.

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Quellen:
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 16.12.2025).
  • Springer Medizin: Wenn die sexuelle Dysfunktion bleibt. 2022. https://www.springermedizin.de/wenn-die-sexuelle-dysfunktion-bleibt/19112644 (abgerufen am 16.12.2025).
  • Healy (2019): Post-SSRI sexual dysfunction & other enduring sexual dysfunctions. Epidemiology and Psychiatric Sciences, DOI: 10.1017/S2045796019000519.
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