Depressionen bei Krebserkrankungen im Fokus

Mann fühlt sich depressiv und nimmt Medikamente ein.
© Adobe Stock

Depressionen gehören zu den häufigsten seelischen Begleiterscheinungen bei Krebserkrankungen – und bleiben dennoch oft unerkannt. Aktuelle Forschungsergebnisse beleuchten die Wirksamkeit von Antidepressiva bei dieser besonderen Patient:innengruppe (DOI: 10.1002/14651858.CD011006.pub4). Grundlage der Analyse ist ein 2022 aktualisierter Cochrane-Review, dessen Ziel es war, die therapeutische Rolle von Antidepressiva bei depressiven Symptomen im Kontext onkologischer Erkrankungen zu bewerten.

Eine unterschätzte Herausforderung im Klinikalltag

Depressive Erkrankungen treten bei Menschen mit Krebs deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Schätzungen zufolge liegt ihre Prävalenz bei rund 15 %. Dennoch bleibt die Diagnose schwierig: Die Symptomatik psychischer Störungen überschneidet sich oft mit typischen Krankheitszeichen oder Nebenwirkungen der Krebstherapie. Müdigkeit, Appetitverlust oder Schlafprobleme können sowohl Ausdruck einer Depression als auch direkte Folge der Tumorerkrankung sein.

Aktuelle Leitlinien und Therapieansätze

Nach den Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) sollte die Behandlung depressiver Störungen bei Krebspatient:innen multimodal erfolgen. Besonders bewährt hat sich eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung. Bei Patientinnen mit Brustkrebs wird diese Vorgehensweise ausdrücklich empfohlen, da sie sowohl emotionale Stabilität als auch Therapietreue fördern kann.

Doch wie gut wirken Antidepressiva tatsächlich in dieser Patient:innengruppe? Und wie belastbar sind die bisherigen Belege? Genau diesen Fragen widmete sich der Cochrane-Review, der die bislang umfangreichste Evidenzanalyse auf diesem Gebiet darstellt.

Was die Zahlen zeigen – Ergebnisse aus 14 Studien

Das Review bezog insgesamt 14 randomisierte, kontrollierte Studien mit 1.364 Teilnehmer:innen ein. Zehn dieser Untersuchungen flossen in die Metaanalyse zum primären Endpunkt ein. Diese Analysen deuteten darauf hin, dass Antidepressiva in der Akutbehandlung über Zeiträume von sechs bis zwölf Wochen depressive Symptome gegenüber Placebo möglicherweise reduzieren können.

Allerdings fällt die Qualität der Evidenz gering aus. Die Vertrauenswürdigkeit wurde als niedrig eingestuft, was die Interpretation der Ergebnisse erheblich einschränkt. Methodische Schwächen, kleine Stichprobengrößen und unvollständige Daten trugen dazu bei, dass die Aussagekraft vieler Studien begrenzt blieb.

Methodische Stolpersteine – warum die Datenlage so unsicher ist

Ein zentrales Problem vieler Studien war die hohe Abbruchrate der Teilnehmenden. Fehlende Verlaufsdaten erschwerten die statistische Auswertung und führten zu großen Unsicherheiten. Zudem waren die untersuchten Studien sehr heterogen in ihren Designs, Zielsetzungen und angewandten Messinstrumenten. Einige Untersuchungen bewerteten Antidepressiva nicht primär hinsichtlich depressiver Symptome, sondern im Zusammenhang mit anderen Beschwerden wie Hitzewallungen oder Schlafstörungen.
Diese methodische Uneinheitlichkeit erschwert die Zusammenführung der Ergebnisse und schwächt die Gesamtaussage des Reviews. Die Autor:innen betonen daher ausdrücklich, dass die Evidenzlage bislang keine klaren Schlussfolgerungen zulässt.

Zwischen Hoffnung und Vorsicht – was für die Praxis bleibt

Trotz der insgesamt unsicheren Datenlage zeigt sich in den verfügbaren Studien ein tendenziell positiver Effekt von Antidepressiva auf depressive Symptome bei Krebspatient:innen. Diese Erkenntnis darf jedoch nicht als generelle Therapieempfehlung verstanden werden.
Fachleute plädieren stattdessen für eine sorgfältige Einzelfallentscheidung, die sowohl den körperlichen Zustand als auch die psychische Belastung berücksichtigt. Der Nutzen einer antidepressiven Medikation muss individuell gegen mögliche Wechselwirkungen und Nebenwirkungen abgewogen werden. Wichtig bleibt, dass pharmakologische Ansätze stets in ein ganzheitliches Behandlungskonzept eingebettet werden, das psychosoziale Unterstützung und psychotherapeutische Aspekte einschließt.

Ausblick – was die Forschung dringend braucht

Ein klares Fazit des Cochrane-Reviews lautet: Es besteht ein erheblicher Forschungsbedarf.

Die Schnittstellen zwischen onkologischer und psychiatrischer Versorgung bleiben komplex – doch gerade hier liegt großes Potenzial. Eine verbesserte interdisziplinäre Zusammenarbeit könnte künftig dazu beitragen, dass Patient:innen nicht nur körperlich, sondern auch seelisch besser durch die schwere Zeit einer Krebserkrankung begleitet werden.

Quellen:
  • Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF): Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression. 2022. Registernummer: nvl-005. Version 3.2. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/nvl-005 (abgerufen am 30.09.2025).
  • Vita, G. et al. (2023): Antidepressants for the treatment of depression in people with cancer. Cochrane Database of Systematic Reviews, DOI: 10.1002/14651858.CD011006.pub4.
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