Unsichtbare Narben der Intensivstation: Das Post-Intensive-Care-Syndrom

Eine Patientin wird im Krankenhaus von einer Pflegekraft geführt. Sie muss sihc zusätzlich auf einen Gehhilfe stützen.
© Adobe Stock

Wie die Fachzeitschrift Anaesthesiologie in ihrer Ausgabe 1/2025 darlegt, bleibt das Post-Intensive-Care-Syndrom (PICS) eine der größten Herausforderungen nach kritischer Erkrankung. Viele Überlebende intensivmedizinischer Behandlungen tragen langfristige Einschränkungen mit sich, die nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das ihrer Angehörigen nachhaltig prägen.

Langfristige Folgen für Körper, Geist und Alltag

PICS umfasst eine Bandbreite an Beeinträchtigungen, die monate- oder jahrelang anhalten. Betroffene klagen häufig über nachlassende kognitive Fähigkeiten wie Konzentration und Gedächtnis, psychische Belastungen wie Angststörungen oder Depressionen sowie körperliche Einschränkungen etwa durch Muskelschwund oder Atemprobleme. Diese Symptome mindern die Lebensqualität erheblich und belasten nicht nur die ehemaligen Intensivpatient:innen, sondern wirken sich auch auf deren Familien aus, indem sie emotionale und pflegerische Ressourcen beanspruchen.

Die Häufigkeit von PICS unterstreicht die Dringlichkeit besserer Ansätze: Studien zeigen, dass ein Großteil der Überlebenden mit solchen Defiziten entlassen wird, was zu einer deutlichen Verschlechterung des Alltags und der beruflichen Reintegration führt.

Lücken in der Nachsorge: Wer übernimmt die Verantwortung?

In Deutschland fehlt es oft an einer nahtlosen, koordinierten Nachsorge nach der Intensivphase. Die Versorgung zerfällt häufig in isolierte Leistungen verschiedener Fachbereiche, was zu Behandlungsabbrüchen oder unvollständiger Betreuung führt. Hier setzen Post-ITS-Ambulanzen einen neuen Standard: Diese spezialisierten Einrichtungen bündeln Expertise von Intensivmediziner:innen, Pflegefachkräften, Physiotherapeut:innen und Psycholog:innen in einem multidisziplinären Team.

Leider sind solche Ambulanzen noch nicht landesweit verfügbar. In der Praxis fällt die Nachsorge daher meist Hausärzt:innen zu, die die langfristigen Folgen erkennen und koordinieren müssen. Eine bessere Vernetzung könnte Fragmentierungen vermeiden und die Versorgungsqualität steigern.

Vorbeugen statt heilen: Strategien auf der ITS

Präventive Maßnahmen während der Intensivbehandlung sind entscheidend, um PICS zu mildern. Zentral steht das Delir-Management neben optimierter Analgesie und Sedierung. Nicht-medikamentöse Ansätze wie Frühmobilisation und Maßnahmen zur Schlafhygiene-Verbesserung reduzieren das Delirrisiko und schützen vor kognitiven Ausfällen. Forschungsergebnisse belegen: Eine frühe Mobilisierung auf der Intensivstation führt zu besseren funktionellen Fähigkeiten bei der Krankenhausentlassung und verbessert damit die Grundlage für eine schnellere Genesung. Diese Interventionen greifen früh ein, bevor irreversible Schäden entstehen, und unterstreichen, wie präventive Intensivmedizin die Nachsorgeentlastung fördert.

Erfolge und Grenzen interdisziplinärer Programme

Die Verbesserung der Nachsorge bleibt herausfordernd: Viele randomisierte kontrollierte Studien zu umfassenden interdisziplinären Programmen zeigen keine signifikanten Zuwächse in Lebensqualität oder psychischer Gesundheit. Komplexe Ansätze stoßen an Grenzen, etwa durch mangelnde Teilnahme oder unzureichende Ressourcen.
Ein Lichtblick ist das InS:PIRE-Programm aus Schottland. Dieses intensive Nachsorgekonzept konnte bei den Teilnehmenden messbare Verbesserungen der Lebensqualität erzielen. Es demonstriert, dass zielgerichtete Programme unter bestimmten Bedingungen wirksam sind und als Modell für weitere Regionen dienen könnten.

Handlungsaufforderung für die Praxis

Praktizierende Ärzt:innen sollten die PICS-Risiken stets im Blick haben und sie in therapeutische Entscheidungen einfließen lassen. Eine proaktive Rolle in der Nachsorge – von der Rehabilitationsplanung bis zur Unterstützung im Alltag – kann für Betroffene und Angehörige entscheidend sein. Spezialisierte Nachsorgeprogramme und präventive Maßnahmen wie Frühmobilisation bleiben Schlüssel, um die langfristigen Folgen kritischer Erkrankungen zu minimieren und die Gesamtversorgung zu optimieren.

Quellen:
  • Springer Medizin: Das Post-Intensive Care Syndrom: funktionelle Beeinträchtigungen bei Überlebenden kritischer Erkrankung. 2025. https://www.springermedizin.de/post-intensive-care-syndrom/posttraumatische-belastungsstoerung/das-post-intensive-care-syndrom-funktionelle-beeintraechtigungen/50362092 (abgerufen am 12.12.2025).
Auch interessant:
Bild zum Artikel„Wenn Nebenwirkungen zum Vorteil werden – Antidepressiva neu gedacht“

Antidepressiva wirken meist ähnlich stark – doch ihre Nebenwirkungen unterscheiden sie deutlich. Manche Effekte können sogar nützlich sein, wenn sie gezielt genutzt werden.

Bild zum Artikel„Neurorehabilitation nach Schlaganfall: Wie Hirnstimulation und KI Leben verändern“

Markus S., 52, spürte nach Schlaganfall wieder die Hand seiner Frau – ein Triumph der Medizin. Vor 6 Monaten lähmte ein Schlaganfall seine rechte Seite. Prognose: Rollstuhl. Dank Hirnstimulation und KI-Therapie kann er greifen und träumt vom Spaziergang. Seine Geschichte ist Teil einer Neuroreha-Revolution.

Bild zum Artikel„Frag mich doch mal – die richtigen Fragen an dich selbst“

Die Macht der Frage wird vor allem in der Selbstreflexion sehr häufig unterschätzt. Fragen sind ein starkes Werkzeug, um sich und sein Handeln zu hinterfragen und neue Handlungsoptionen für die Zukunft zu entwickeln.

Navigation Schließen Suche E-Mail Telefon Kontakt Pfeil nach unten Pfeil nach oben Pfeil nach links Pfeil nach rechts Standort Download Externer Link Startseite